Mama, du bist doch noch groß!

Vor genau einem Jahr – ungefähr zu dieser Zeit, zu der ich mit diesen Zeilen beginne, erreichte mich der Anruf. Den Anruf, den ich nie bekommen wollte. Der Anruf, seitdem nichts mehr so ist, wie es vorher war. Dabei war ich kurz zuvor noch im Krankenhaus, vielleicht gerade wieder eine Viertelstunde zu Hause, und sofort bohrten sich Tausende Fragen in meinen Kopf.

Wie, warum, wieso, warum nun so schnell, und so weiter, und so fort. Und auch wenn nun bereits ein Jahr vergangen ist, und es reichlich seltsam erscheinen mag, ist es für mich immer noch unwirklich. Ein passenderes Wort habe ich während des gesamten vergangenen Jahres nicht gefunden. Vielleicht mag dies irrational klingen – bittesehr, dann ist es eben so.

Natürlich funktionierte man in der Zeit danach – irgendwie. Ob man es als Fürsorge des deutschen Staates bezeichnen kann, der einem so viel Bürokratie aufbürdet, dass einem gar nichts Anderes übrig bleibt, als zu funktionieren – ich weiß es nicht. Ich möchte mich hier auch gar nicht weiter über das letzte Jahr auslassen, ich habe mehrfach versucht, hier ein paar Zeilen zu verfassen, nach drei Wochen, nach drei Monaten, zum Jahreswechsel nach einem halben Jahr, doch letztlich immer wieder verworfen.

Auch heute habe ich überlegt, ob ich hier etwas schreiben sollte. Oder ob beispielsweise eine Anzeige in einer Tageszeitung sinnvoll gewesen wäre. Doch was sollte man darin schreiben? “In Erinnerung an..?” Oder ein banales “Unvergessen”? Natürlich “unvergessen”! Was denn sonst?

Natürlich erinnere ich mich an viele große Momente, aber auch an unendlich viele kleine. Und manches, was im ersten Moment eine Kleinigkeit, oder nur ein Nebengedanke in der Sekunde des Erlebens war, wird im Laufe der Zeit doch irgendwie groß.

Natürlich wissen wir alle, dass die Lebenszeit begrenzt ist, aber Mama hat sich davon nie entmutigen lassen. Und manches lässt sich mit ein wenig Humor auch am besten bewältigen. Beispielsweise wenn sich eine neue ambulante Pflegerin vorstellte, um ihren Dienst zu verrichten, und Mama erst im Sitzen gepflegt wurde, dann aber aufstehen musste. Da die Pflegerinnen aus unerfindlichen Gründen allesamt kleiner waren als Mama, mussten sie sich mitunter recht weit strecken. Als sie dann gefragt wurde, wie groß sie sei, konnte sie dies aufgrund der Aphasie zwar nicht zentimetergenau sagen (an der Stelle habe ich dann mit “1,75m ” geantwortet), aber Mama meinte dann etwas wie “ja, früher”, und sie sei “schon kleiner geworden”. Ob dem so war, haben wir zwar nicht gemessen, aber letztlich konnten wir darüber lachen, denn das änderte ja nichts daran, dass die Pflegerinnen bei ihrer Arbeit mitunter recht lange Arme machen mussten…

Zwar konnte Mama aufgrund der COPD keine weiten Wege mehr gehen, auch kürzere bereiteten ihr zunehmend Schwierigkeiten. Und auch im Alltag brauchte sie immer mehr Hilfe. Doch auch wenn es einfacher gewesen wäre, sich nur noch im Bett aufzuhalten, kam dies für sie nicht in Frage. Beispielsweise hat sie immer noch am Tisch zu Mittag gegessen, selbst wenn dies mit der Zeit immer anstrengender geworden war. Ich habe ihr dann geholfen, also zunächst die Schuhe auf die richtige Seite vor das Bett platziert, so dass Mama hinein schlüpfen konnte, ihr dann meine Hände gereicht, so dass sie mit ein wenig Unterstützung aufstehen konnte. Da sich der Einsatz des Rollators für die drei Schritte bis zum Tisch nicht gelohnt hätte, führte ich sie an meinen Händen bis dorthin, so dass sie Platz nehmen und letztlich essen konnte.

Eines Tages, mitten in diesem alltäglichen Szenario, stand Mama also auf, und anstatt mit ihr sogleich zum Tisch zu gehen, blieb ich kurz stehen, so dass Mama auch erstmal gesichert stehen konnte. Wir schauten uns an und ich erinnerte mich an den Spruch, von wegen “kleiner geworden”. Und mir fiel auf, dass ich nichts sah, was Mamas Annahme bestätigte. Ich sagte spontan: “Mama, du bist doch noch groß!” Sie reckte sich ein wenig, schaute mich weiter an, lächelte, streckte ihren Kopf noch ein bisschen nach oben, wahrscheinlich sagte sie auch etwas, an das ich mich jetzt nicht mehr erinnere, und wir lachten uns zu, bevor ich sie zum Tisch brachte.

Mama, du bist doch noch groß!

In jeglichem Sinne.

Für immer.

 

Kategorie: Leben