RTL trennt sich von Dieter Bohlen (DSDS, Das Supertalent) – die dümmste Entscheidung ever!

Ich muss zugeben, als ich gestern die Nachricht, dass “Poptitan” Dieter Bohlen zukünftig nicht mehr in der Jury von “Deutschland sucht den Superstar” (DSDS) oder “Das Supertalent” vertreten sein sollte, dachte ich zunächst an einen Scherz. Welche Satire-Seite war da im Spiel? War denn schon der erste April? Doch dann mehrten sich die Berichte, und auch RTL selbst bestätigte mit blumigen Worten die Meldung, dass DSDS und Das Supertalent zukünftig ohne ihren Chefjuror auskommen werden. Und immer wenn die Worte zu blumig werden, wenn von “starken Nachfolgern” oder “Weiterentwicklung” die Rede ist, wenn die Lösung natürlich einvernehmlich sei und alle Beteiligten im Vorfeld informiert worden seien, verursacht dies ein extrem schlechtes Gefühl in der Magengegend, denn viel euphemistischer kann man die Tatsachen nicht umschreiben: RTL hat Herrn Bohlen rausgeschmissen. Ganz eiskalt abserviert.

Warum ich dies für die dümmste Entscheidung des neuen RTL TV-Geschäftsführers Dr. Henning Tewes halte, die er jemals getroffen hat und jemals treffen wird, und warum mich das überhaupt interessiert, möchte ich im Folgenden skizzieren.

Bildquelle: https://www.focus.de/kultur/kino_tv/jury-aus-bei-dsds-neuer-rtl-chef-tewes-ohne-gnade-das-ist-der-mann-hinter-dem-bohlen-rauswurf_id_13073347.html

 

RTL plus Auto plus Computer

Denn irgendwie hat mich RTL schon lange begleitet, auch wenn ich als Teenager noch nicht wissen konnte, dass ich einmal dort arbeiten würde. Es waren die 1980er-Jahre, ein damals neuer Sender namens “RTL plus” zeigte eine Serie, in der ein sprechendes, selbstfahrendes, computergesteuertes Auto über die Highways der USA jagt, sich für rechtschaffende Bürger und Gerechtigkeit einsetzt und dabei Verbrechern keine Chance lässt. “Er kommt – Knight Rider – Ein Auto, ein Computer, ein Mann”. Wobei Letzterer eher irrelevant war, die Hauptrolle hatte klar “K.i.t.t.”, auch wenn David Hasselhoff aus irgendwelchen Gründen immer den meisten Platz auf dem Cover von “Bravo” oder sonstigen Zeitschriften inne hatte. Als kleiner Computerfreak war ich jedoch fasziniert von dieser Serie, und so sparte ich einiges Geld, nur um mir einen sündhaft teuren Videorekorder leisten zu können, mit dessen Hilfe ich endlich die LEDs auf dem Armaturenbrett zählen konnte. Mein erstes selbstgeschriebenes “sinnvolles” Assemblerprogramm auf dem C64 war infolge dessen übrigens eine Simulation des Lauflichts von “K.i.t.t”, also des “Scanners”, das sich in der Geschwindigkeit durch Tastendruck variieren ließ. Natürlich war es mir letztlich egal, auf welchem Sender diese Serie ausgespielt wurde, aber da RTL nach dem Aufstellen einer extra Antenne für den terrestrischen Empfang dieses Senders auch der einzig empfangbare Privatsender war, konnte man fortan immerhin zwischen vier TV-Stationen wählen. Und so wurde über die Jahre hinweg manches TV-Format von RTL (plus) eben mitgenommen, und auch wenn die Anzahl der Sender inzwischen in Hunderten gemessen wird, hat RTL (seit geraumer Zeit ohne plus) noch immer einen Stammplatz im vorderen einstelligen Kanalbereich.

Unterhaltung!

Somit wurde ich zu einem recht treuen RTL-Zuschauer, und stehe auch nach wie vor dazu, auch wenn dies in gewissen Kreisen unpopulär sein mag. RTL zeigte sich von seinen ersten Tagen an als ein Sender, der für Unterhaltung steht. Ich wollte eigentlich “gute Unterhaltung” schreiben, und aus meiner Perspektive ist es genau das, aber ich bin mir darüber bewusst, dass diese Wertung nicht unbedingt geteilt wird. War es früher “K.i.t.t.”, ist doch lächerlich, oder? Ein Computer spricht doch nicht (“Alexa, schalte das Licht im Wohnzimmer ein…”, “Hey Google, wie ist das Wetter in Chicago?”), ein Mann, der über seine Uhr kommuniziert (Öffne die App “Telefon” auf der Apple Watch…), oder ein Auto, das selbst seinen Weg findet (autonomes Fahren, kommt…), bzw. Knight Rider als TV-Format, das misstrauisch beäugt wurde, so sind es heute “Deutschland sucht den Superstar”, “Das Supertalent”, “Ich bin ein Star, holt mich hier raus”, “Der Bachelor”, “Bauer sucht Frau” etc..

Diese TV-Formate dienen allesamt der Unterhaltung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Reden wir doch einmal Klartext: RTL war nie für seine Nachrichten-Sendungen berühmt. In den ersten Jahren hatten diese mehr Ähnlichkeit mit Live-Comedy-Veranstaltungen als mit seriöser Berichterstattung. Das hat sich im Laufe der Zeit zwar geändert, aber wer sich in aller Kürze über das Tagesgeschehen informieren möchte, für den sind doch nach wie vor die Tagesschau oder die Heute-Sendungen die erste Wahl. Beim RTL Nachtjournal beispielsweise findet sich hingegen mindestens ein Beitrag, der sich entweder um Prominente, Kuriositäten oder sonstige Randbereiche der Nachrichten dreht. Der Schwerpunkt ist nun einmal ein anderer als beispielsweise bei “Arte” oder “3sat”. Das gilt im Übrigen für nahezu alle privaten TV-Sender, die das so genannte “Vollprogramm” anbieten.

Hashtag #DSDS, #IbeS, #Supertalent…

In diesem Zusammenhang ist dann immer wieder von “Unterschichtenfernsehen” zu lesen. Tja… Was soll man dazu sagen? Wenn ich einmal von meinem Nutzungsszenario ausgehe, also wann sehe ich fern? Abends. Nach einem mehr oder minder langen Tag. Oft verspeise ich dabei das, was Bäckerei und Kühlschrank hergeben, manchmal hänge ich noch auf Twitter herum und kommentiere dies und jenes, etwas weniger häufig suche ich noch nach Informationen, aktualisiere und administriere Server, und so weiter. Aber selbst, wenn ich nichts mehr nebenbei erledige und mich nur auf das jeweilige TV-Format konzentriere: Warum diese Geringschätzung von Unterhaltung? Wenn ich mich während des Tages mit Optimierungsmöglichkeiten von Datenbank-Abfragen, der Einarbeitung in das nächste hippe JavaScript-Framework oder mit vorgestern fertigzustellenden Features der jeweiligen Fachabteilung beschäftigt habe, möchte ich die verbleibenden Stunden des Tages vielleicht einfach nur abschalten. Dabei soll das Fernsehen zur Unterhaltung dienen. Ein französischer Programmkino-Film von 1967 mit englischen Untertiteln, drei Zeitzonen, viermaligem Perspektivenwechsel und natürlich in sehr dunklem schwarz-weiß gehalten wäre für diesen Aspekt der Tagesgestaltung einfach nicht geeignet. Sorry, da bin ich raus.

Und genau dasselbe würde gelten, wenn meine Arbeit auf andere Weise, etwa körperlich oder emotional anstrengend wäre. Ebenso, wenn alle Anstrengungen des Tages zusammen aufeinander treffen. Da stellt sich für mich gar nicht die Frage, ob der seichte Rosamunde-Pilcher-Film, die Begleitung bei der Mördersuche im “Tatort” oder die Beobachtung von Stars und Sternchen im Kakerlaken-Bad wirklich unterschiedlich bewertet werden müssen. Denn all dies ist – im Sinne der Zweckerfüllung – gute Unterhaltung. Wer hier mit Begriffen wie “Unterschichten-Fernsehen” arbeitet, gehört wohl eher zu einer selbsternannten und sich selbst überschätzenden Elite, die meint, die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen “da draußen” in besagten Arte-Filmen zu finden.

Und wenn ich stattdessen lieber Bildungsprogramm wähle, lese ich das eine oder andere Buch, schaue mir Aufzeichnungen von Vorträgen oder Vorlesungen an, oder nutze sogar YouTube, wo es nicht nur verschwurbelte Verschwörungsgeister gibt, sondern im Gegensatz zur vielgescholtenen “Professor YouTube”-Assoziation tatsächlich hervorragende Beiträge zu nahezu allen Themenbereichen (etwa Prof. Dr. Spannagel, Prof. Dr. Weitz, The Morpheus Tutorials, Pilzschaf, nur um einige meiner Favoriten zu nennen).

Alles andere ist – glücklicherweise – Geschmacksache. Und so treffen durchaus einige TV-Formate von RTL meinen Geschmack. Andere wiederum nicht, an Scripted-Reality-Serien konnte ich beispielsweise noch nie Gefallen finden, und nach der Talkshow-Schwemme der 1990er-Jahre hatten sich diese Formate auch dankenswerterweise irgendwann überholt. Natürlich gilt Entsprechendes auch für andere Sender und deren Beiträge. Während ich mich gestern beispielsweise wieder dabei ertappt habe, “Germany’s Next Topmodel” zu sehen, kann ich mich mit “The Masked Singer” einfach nicht anfreunden, auch wenn dieses Format sehr erfolgreich und noch dazu preisgekrönt ist.

Modern Singing

Aber zurück zu “Deutschland sucht den Superstar” (DSDS) und “Das Supertalent” – und natürlich Dieter Bohlen. Auch hier erlaube ich mir einen kleinen Rückblick in die 1980er-Jahre und damit Anfänge des späteren “Poptitans”. Seine Musik-Combo Modern Talking schlug zunächst ein wie eine Bombe, um sich dann später in nervtötenden Schall und Rauch aufzulösen. Was auch kein Wunder ist, immerhin hat Herr Bohlen eigentlich nur ein Lied komponiert, um es danach mit geringen Abweichungen zu vervielfältigen. Wer damals ernsthaft Fan von Modern Talking war, konnte dies im besten Fall geschickt verbergen, und wurde im schlechtesten Fall dafür nicht beachtet, heute würde mal wohl sagen “gedisst” oder gar “gemobbt”. Wer etwas auf sich hielt, hörte kein Modern Talking. Die Meinung über Dieter Bohlen und Thomas Anders ging einher damit, und bewegte sich in etwa in denselben Sphären wie über Liebesschulzen-Schlagersänger aus den frühen 1970ern.

Nun hat es insbesondere Herr Bohlen aber zu einigen Erfolgen gebracht, was seiner Beharrlichkeit, seinem Willen und nicht zuletzt nimmermüden Anstrengungen zu verdanken sein dürfte. Anstatt selbst die Mikrofone zu malträtieren, agierte er erfolgreich im Hintergrund als Produzent schier unzähliger Künstler und deren Titeln, auch wenn nicht immer Dieter Bohlen drauf stand, war doch oft Dieter Bohlen drin. Auch die Eskapaden aus seinem Privatleben haben ihm letztlich mehr genützt als geschadet, ganz nach dem Motto, Hauptsache Publicity. Das alles führte dazu, dass Dieter Bohlen bei RTL seit 2002 als “Chefjuror” bei DSDS und ab 2007 bei “Das Supertalent” seine Meinung zum Besten gab.

Dieter Bohlens Metamorphose

Und auch meine Meinung zu Herrn Bohlen hatte sich in diesen Jahren grundlegend geändert. Tatsächlich ist mir Dieter Bohlen inzwischen sehr sympathisch geworden, was einerseits an seiner Art, an seinen Kommentaren in besagten TV-Formaten lag, andererseits aber auch mit einem Aspekt aus seinem Lebenslauf zusammenhing, der zumindest so in den Anfängen eher unbekannt war. Denn noch bevor er mit seiner Musikkarriere richtig durchgestartet ist, hatte er ein BWL-Studium abgeschlossen. Und wie sich im Laufe der Zeit zeigte, ist Herr Bohlen eher ein Geschäftsmann, der nebenbei die Charts erobert hat, als ein Sänger, der sich Zeit seines Lebens auf ehemaligen Erfolgen ausruht und irgendwann nur noch auf ein Dutzend zufällige Zuschauer bei seinen Auftritten auf der nächsten Baumarkt-Eröffnung trifft. Herr Bohlen hingegen arbeitet zielgerichtet und effizient, und ich wage, zu behaupten, dass er in jedem anderen Bereich ebenfalls erfolgreich gewesen wäre. So wurde es eben die Musik, vermutlich aufgrund von Leidenschaft und persönlichen Vorlieben.

Deutschland sucht den Superstar?

Die erste Staffel von DSDS war natürlich neu, aufregend, und ein großer Erfolg, wie die Einschaltquoten schnell zeigten. Bereits damals hat man sich selbstverständlich gefragt, welcher “Superstar” hier gesucht wurde. Immerhin suchte Deutschland “den” Superstar. Hatte Deutschland bis dato keine Superstars? Wie super würde der Superstar werden? Spätestens bei Beginn der zweiten Staffel war klar, dass Deutschland nicht “den” Superstar suchen würde, ganz zu schweigen vom Finden desselben. Sondern Deutschland suchte wieder und wieder einen Superstar, wobei “Superstar” auch eher relativ zu betrachten war. Manche “Superstars” hatten zwar ihren kurzzeitigen Erfolg, aber einige verschwanden auch schnell wieder in der Versenkung. Andere hingegen haben sich etabliert, manche in einer mehr oder weniger großen Nische, manche durch Auftritte in weiteren TV-Formaten, und sind so im weitesten Sinne tatsächlich zu Stars geworden.

Während aller DSDS- und Das-Supertalent-Staffeln gab es jedoch eine Konstante – und damit einen Gewinner: Dieter Bohlen. Während die anderen Mitglieder der Jury in immer kürzeren Abständen ausgetauscht und durch andere ersetzt wurden, war Herr Bohlen nicht nur Chefjuror, sondern auch der Fels in der Brandung. Und damit leistete er auch einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg dieser beiden TV-Formate. Seine Sprüche zu manchen Kandidaten mögen umstritten sein, aber sie waren vor allem eins: Gute Unterhaltung. Sie stellten den entscheidenden Unterschied zur allgemeinen Lobhudelei dar, wenn sich die Jury-Mitglieder brav und political correct für den noch so miserablen “Gesangs-” oder sonstigen Auftritt bedanken, aber innerlich denken “was für eine gequirlte Kacke, wo ist der nächste Mülleimer zur Entsorgung der schiefen Töne” – oder gerne auch Schlimmeres. Dieter Bohlen hat hingegen kein Blatt vor den Mund genommen, auch wenn er, ich vermute stark, dass die Verantwortlichen von RTL hier bereits ihre Muskeln spielen ließen, in den letzten Staffeln defensiver geworden und (leider) wesentlich weniger durch markige Aussagen aufgefallen ist.

Vermutlich ist es dem Zeitgeist geschuldet, dass es zwar erlaubt ist, auf “alten, weißen Männern” herumzuhacken, aber alles und jeder andere explizit und divers mit Samthandschuhen angefasst werden muss. (Manchen würde ich gerne entgegnen: “Du dumme Nuss! Die alten, weißen Männer haben so ziemlich alles entwickelt und erfunden, mit dem du dich jetzt bedienst, worüber du kommunizierst und deine Meinung äußerst, und damit über eben jene herziehen kannst!” Aber das wäre eine ganz andere Geschichte, und ich bin ja auch nur ein alter, weißer Mann…)

Meine Brötchen von RTL

Nach diesem eher externen Blick auf DSDS, Das Supertalent & Co. komme ich zu dem eingangs erwähnten Punkt. Wie der Zufall, initiiert durch persönliche Kontakte, es wollte, war ich in den Jahren 2007 bis 2012 Mitarbeiter von RTL. Genau genommen von RTL interactive, und dort als Software-Entwickler für das damalige Videoportal Clipfish tätig. So hat mich RTL nicht nur in der Freizeit, sondern immerhin fünf Jahre lang auch beruflich begleitet – oder war es umgekehrt? Und auch wenn es diese Zeit nun schon einige Jahre zurück liegt, fühlte ich mich RTL immer noch auf gewisse Weise verbunden. Den Ex-Kolleginnen und -Kollegen und natürlich damaligen Vorgesetzten sowieso, ich würde auch nie ein schlechtes Wort über jene verlieren. Es war eine tolle Zeit, eine tolle Truppe, ein hoch professionelles und gutes Team, ich habe viel gelernt und möchte diese Erfahrung um keinen Preis missen. Es hat mir Spaß gemacht, dort zu arbeiten, wir haben uns auf meinen Wunsch hin im Guten getrennt, ich wollte mich damals in anderen Bereichen betätigen. Wie in jedem Unternehmen üblich, gab es einige, mit denen man sich besser, und wenige, mit denen man sich eher suboptimal verstanden hat, wobei eindeutig Ersteres überwiegt. Tatsächlich besteht auch heute noch Kontakt, wenngleich durch persönliche Umstände in geringerem Maße als ich mir es wünschen würde. Natürlich gab es intern so einige Umstrukturierungen in den letzten Jahren, aber ob nun bei RTL interactive oder CBC beheimatet, waren doch alle irgendwie gemeinsam “beim RTL”.

Insofern wollte ich manche Entwicklung, Entscheidung, aber natürlich auch diverse TV-Formate von RTL nicht in aller Öffentlichkeit kommentieren, auch wenn es mich zeit- und stellenweise in den Fingern juckte. Erst recht nicht zu meiner aktiven Zeit bei RTL, aber auch danach habe ich mich bislang lieber zurückgehalten. Denn egal, was man vom Programm von RTL halten mag, so wenig darf man diese Meinung auf die dahinter stehende Belegschaft projizieren.

Natürlich gehörte es zum guten Ton, die diversen Protagonisten der Erfolgsformate wie DSDS oder “Das Supertalent” auch zu kennen. Beispielsweise Pietro Lombardi, er hatte es 2011 geschafft, bei Clipfish binnen 24 Stunden mehr als eine Million Video-Views zu generieren, ich vermute, es handelte sich um das Gewinner-Video. Die Server haben geschwitzt – und wir haben gezittert, oder vielmehr nach einiger Vorbereitung die Daumen gedrückt, dass die Technik so durchhalten würde, wie wir es uns vorgestellt hatten. Für heutige YouTube-Abrufzahlen mag dies lächerlich erscheinen, aber mit der uns damals zur Verfügung stehenden Infrastruktur war dies durchaus eine Herausforderung. (Spoiler: Die Server haben durchgehalten.) Der Superstar 2011 war somit gekürt, aber wie ernst haben wir dies genommen? Was die Technologie anbetrifft sehr! Aber ansonsten? Mal ehrlich, anfangs hat sich doch nahezu jeder über ihn lustig gemacht, seine komischen Sprüche (Stichwort “Ständer”), seine Käppis, sein Gesang war nun auch nicht perfekt. Ich wage, zu behaupten, dass er intern bei und von RTL mehr belächelt wurde als in freier Wildbahn. Und auf Lombardi folgte der nächste, und noch einer, und so weiter… Suchte RTL wirklich “den Superstar”? Nein, aber gefunden wurde ein TV-Format, das für gute Unterhaltung sorgte. Und damit einher gehend für Einschaltquoten und Umsätze.

Am Rande bemerkt: Rein persönlich habe ich nichts gegen Pietro Lombardi, im Gegenteil, er hat sich einerseits positiv weiterentwickelt und ist mir von allen DSDS-Gewinnern am meisten in Erinnerung geblieben, und andererseits – wiederum von außen betrachtet – mit der Zeit durchweg sympathisch geworden.

Die Schattenseiten von RTL

RTL ist jedoch nicht gerade dafür bekannt, umsichtig zu agieren, wenn es selbst in Skandale und Skandälchen verstrickt ist. Anstatt sich für die ehemaligen Protagonisten einzusetzen, werden diese gerne mal fallen gelassen wie die sprichwörtliche heiße Kartoffel. Ganz nach dem Motto, nur nicht weiter auffallen, nicht, dass der nächste Shitstorm RTL auch nur tangieren könnte, alles muss getreu dem Code of Conduct ethisch, verantwortungsvoll, nachhaltig, haltungskonform usw. sein, das alles gehört zur “Corporate Responsibility” . Anecken ist da nicht erwünscht. Zugegebenermaßen bin ich weder Fan der Musik von Xavier Naidoo, noch von Michael Wendler, und erst recht kein Unterstützer ihrer Ansichten. Wenn ich sage, dass Naidoo singt, als ob er gerade eine größere Wurst hinten heraus drücken würde, ist dies meine persönliche Meinung. Und Wendler – ach, zu dem sage ich lieber gar nichts… Aber dennoch bin ich der Ansicht, dass RTL im Umgang mit ihm übertrieben hat.

Die Ansätze waren gut und sinnvoll, RTLs Social Media Team hatte sogar getwittert, dass die Castings bereits abgedreht worden waren, dass sich RTL von Michael Wendler distanziert, aber dass sie trotzdem die fertig geschnittenen Folgen wie ursprünglich geplant ausstrahlen wollten. Eine aus meiner Sicht völlig nachvollziehbare Vorgehensweise, schließlich konnte RTL zum Zeitpunkt des Castings und des Aufbereitens des Filmmaterials nicht wissen, welchen Unfug Herr Wendler später von sich geben würde. RTL konnte einzig wissen, dass er schlechte Lieder schlecht gesungen hat, aber das scheint bei der Auswahl als Jury-Mitglied ja eher eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Keinen Tag und einen halben Shitstorm später kündigte RTL dann an, nun doch “den Juror” herauszuschneiden, weil alles noch viel schlimmer sei, und so weiter und so fort. Plötzlich ging es also doch, damit wurde nicht zuletzt die eigene Argumentation ad absurdum geführt. Dass RTL für diese Entscheidung von diversen Möchtegern-Medien und deren Vertretern aus dem am lautesten schreienden Spektrum auch noch gelobt wurde, spricht für sich. RTL hat sich hier einem der Meinung des üblichen und letztlich desselben Mobs gebeugt, der bei jeder Äußerung des Herrn Bohlen durchdreht, falls diese  nicht konform zur eigenen Ansicht oder vielleicht sogar ein wenig provokativ oder humoristisch angehaucht ist.

Demolition RTL

Inzwischen entsteht bei mir der Eindruck, der Film “Demolition Man” aus dem Jahre 1993, der eine Utopie des Jahres 2032 darstellt, zeigt gar keine Utopie, sondern wird langsam, aber sicher zur Realität. Zwar weniger in Bezug auf den Kryo-Vollzug, aber so doch in der Betrachtung jener zukünftigen Gesellschaft. Jedes Wort, das auch nur im Entferntesten an ein Schimpfwort erinnert, wird sofort geahndet, alle Schritte werden beobachtet, verfolgt und ggf. remote geahndet, auf dem Teller landet kein Stück Fleisch mehr, Rockmusik, körperliche Nähe oder gar mehr sind sowieso verboten, so dass an der Oberfläche alles schön sauber, weiß und rein bleibt. An der Oberfläche. Ich fürchte nur, es gibt keinen “John Spartan”, der den Kampf gegen einen “Simon Phoenix” aufnehmen kann, weil alle möglichen Kandidaten bereits weichgespült und gehirngewaschen worden sind.

Ich würde jedoch darauf wetten, dass die Verantwortlichen von RTL in Bezug auf Michael Wendler einzig und alleine dem äußeren Druck nachgegeben haben, ohne dass sie tatsächlich von ihrem Verhalten überzeugt gewesen wären. Wie kann es beispielsweise sein, dass ein verurteilter Straftäter, der in einer der frühen DSDS-Staffeln zwar nicht so schlecht gesungen hat, aber inzwischen nur noch – und zwar wiederholt – durch strafbare Handlungen auffällt, von RTL bzw. TVNOW hofiert wird,  während “Der Juror” den Status einer Persona non grata erhält? Nicht nur, dass er herausgeschnitten oder teilweise recht albern überblendet wurde, RTL hat es auch nicht versäumt, noch mit vermeintlich witzigen Kommentaren nachzutreten, nur um sich bei der bekannten Mob-Zielgruppe wieder ein wenig einzuschmeicheln.

RTL – Wort und Wirklichkeit

Nun trifft dieses Schicksal also Herrn Bohlen. Wie und warum und was genau passiert war, werden wir vielleicht nie erfahren. Oder welche Gerüchte stimmen, denn dass es ein Rausschmiss war und keine einvernehmliche Trennung stattgefunden hat, zeigt bereits der RTL-eigene Beitrag. Dieter Bohlen “hört auf”? Er ist wohl eher aufgehört worden. “Die Welt hat sich verändert”, das ist zweifellos richtig. Alles andere ist Augenwischerei und sinnleeres Geschwätz. Nur ein Beispiel: Für die nächste DSDS-Staffel werden selbstverständlich bereits wieder Kandidaten gesucht. Und wer steht als Gesicht für DSDS und wirbt in den bisher ausgestrahlten Clips um Online-Anmeldungen? Genau, Herr Bohlen.

Da soll es nun “frische Impulse” geben, “Veränderungen”, “Weiterentwicklungen”, und man sei “jederzeit offen” für gute, neue Ideen. Dazu fällt mir nur ein: Blabla. Vollkommener Unfug. Veränderungen und Weiterentwicklungen gab es immer, ob diese zu begrüßen waren, steht auf einem anderen Blatt. Beispielsweise hat sich mir der Sinn der Auslands-Recalls nie wirklich erschlossen. Singen die Kandidaten besser, wenn sie mit den Füßen im Meer stehen? Wo ist der Vorteil für den Zuschauer, wenn ein Kamel durch die Szenerie rennt oder im Hintergrund Löwen herum stehen? Im Kern war DSDS doch einmal eine Castingshow, wozu waren also die Traumschiff-Einlagen gedacht? Dass die Location kaum eine Rolle spielt, zeigte sich doch sehr schön bei der aktuellen Staffel. Angesichts Corona wurden die Kandidaten zunächst einfach mitten in Deutschland in ein Kloster einquartiert, und wie nicht anders zu erwarten, ergab sich für den Zuschauer damit kein geringerer Unterhaltungswert als beim darauffolgenden Ausflug auf Mykonos.

Die dümmste Entscheidung, ever!

Also warum spricht RTL nicht Klartext, warum verkauft man den Zuschauer für dumm? Dass DSDS schon lange nicht mehr die Quote bringt, die zu den Anfangszeiten üblich war, ist doch gar kein offenes Geheimnis mehr. Aber wenn Herr Dr. Tewes meint, ein DSDS ohne Dieter Bohlen würde diese Entwicklung umkehren, ist er meiner Ansicht nach vollkommen auf dem Holzweg. Dabei ist RTL doch ebenfalls dafür bekannt, TV-Formaten in genau diesen Fällen einem schnellen Ende zuzuführen. Wenn DSDS nun nicht die erwünschte Quote gebracht hat, warum kann man dies nicht einfach genau so kommunizieren und die entsprechenden Konsequenzen ziehen? Und zwar mit allen Beteiligten zusammen, so transparent wie nur möglich, anstatt nach Hire-and-fire-Mentalität einmal quer durchzufegen und ausgerechnet denjenigen Menschen aufs Abstellgleis zu befördern, der maßgeblich verantwortlich war für die Erfolge der beiden TV-Formate. Ohne Dieter Bohlen wäre DSDS nur eine weitere Castingshow geblieben, in der manch ein Kandidat oder eine Kandidatin besser, andere schlechter singen. Und alle sind sie irgendwie toll, einer kommt weiter, ein anderer nicht, alle bedanken sich, und Friede, Freude, Eierkuchen. Wahrscheinlich wäre DSDS bereits nach drei Staffeln eingestellt worden, genau wie die anderen Castingshows, die mittlerweile nur noch eine Randnotiz der TV-Geschichte sind. Zwar gab es bei DSDS und “Das Supertalent” selbstverständlich Jury-Mitglieder neben Dieter Bohlen. Doch wer außer Bruce Darnell spielte hier wirklich eine größere Rolle als ein Protagonist in einem Schattenkabinett?

Und noch einmal – “Deutschland sucht den Superstar” war eben keine Castingshow, keine Talentsuche im üblichen Sinne. Sondern eine Unterhaltungsshow, in der die Kandidaten zwar gesungen haben, aber bei der die Jury und darin hauptsächlich Dieter Bohlen eine mindestens ebenso große Rolle gespielt haben wie die Gesangstalente. Und eben jene Nicht-Talente, die letztlich unterhaltsamer waren als diejenigen, die ihren Weg zum Erfolg vermutlich auch ohne DSDS gegangen wären – dieser hätte nur ein wenig länger gedauert. Aber ob es nun die Apfelringe-Kandidatin oder ein unermüdlicher Menderes waren, über die man sich amüsieren konnte, weil sie genau so auch aus der Nachbarschaft hätten kommen können, weil man sich mit ihnen identifizieren konnte, nach dem Motto “hey, also da singe sogar ich maximal Unbegabter besser als die”, daraus und in Kombination mit den nicht minder volksnahen und flapsigen Sprüchen des Herrn Bohlen ergab sich doch erst der Reiz von DSDS! Herr Dr. Tewes, bei allem Respekt, die Idee eines DSDS ohne Dieter Bohlen ist einfach nur absurd. Wenn DSDS für RTL inzwischen ein totes Pferd sein sollte, dann heißt es absteigen. In aller Form, mit allen Konsequenzen, und vor allem vom Verhalten her respektvoll und dankbar gegenüber den Beteiligten und den erzielten Leistungen. Und nicht, sich wie ein Elefant im TV-Laden zu verhalten.

 

Update: Während ich diesen Kommentar geschrieben habe, sind natürlich unzählige Artikel zu dem Thema publiziert worden. Mit einigen bin ich durchaus konform. “RTL-Chef Tewes ohne Gnade: Das ist der Mann hinter dem Bohlen-Rauswurf“, “Pietro Lombardi verabschiedet DSDS-Juror Dieter Bohlen“, “DSDS-Hammer: Bohlen muss gehen – ‘Gleicht einem Rauswurf’“, “Bohlen verlässt DSDS..” und so weiter. Ein Zitat aus dem zuletzt genannten Artikel “Laut Bild soll das RTL-Aus von Bohlen auch mit dessen teils derbem Umgangston mit den Kandidaten zusammenhängen. Dem Sender soll die mitunter schroffe Art des Musikproduzenten missfallen haben.” Na sowas. Das überrascht mich jetzt aber…

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Kategorie: Meinung