Liebe Siemens Hausgeräte, liebe Toaster-Hersteller,

als ich heute meinen neuen Toaster ausgepackt habe, stellte ich mir nur eine Frage: Warum?!?

Um diese Frage zu verstehen, benötigen Sie sicherlich ein wenig Hintergrundwissen, das ich Ihnen gerne mitgeben möchte. Der Toaster ist für mich eines der wichtigsten Küchengeräte. Um genau zu sein, ist er eines von zwei Geräten, die einen permanenten Platz auf der Küchenplatte verdient haben. Das zweite ist übrigens die (Brot-)Schneidemaschine, die jeden Abend genutzt wird. Der Toaster hingegen wird jeden Morgen genutzt, das Ergebnis – zwei getoasteten Toastbrotscheiben – sorgt dafür, dass ich halbwegs gestärkt in den Tag komme. Sozusagen – ohne Toast wäre ich lost, oder auch: ohne Toast nix los, wobei ich hier gar nicht Rap-mäßig halbgar-übel reimen möchte. Fazit: Der Toast – und damit auch der Toaster – ist einfach unabdingbar für den Start in den Tag.

Nun befindet sich ein wirklich schöner, kleiner Toaster aus Ihrer oder vielmehr der Produktion aus einem Ihrer Standorte, die früher zum Konzern gehörten, seit Jahrzehnten im Familienbesitz. Dieser Toaster – nach kurzer Recherche aus den 1970er-Jahren (^1) stammend, hat nicht nur die Jahre überlebt, sondern eben auch wunderbare Toast-Ergebnisse geliefert – und das bist heute! Vermutlich würde er auch weitere Jahrzehnte toasten, bis ihn irgendwann der Blitz treffen und er im Toaster-Himmel verschwinden würde. Wobei das mit dem Blitz gar nicht so abwegig ist, denn inzwischen löst sich das Netzkabel in seine Plastik-Bestandteile auf, weshalb ich ihn nun in tiefer Trauer zunächst außer Betrieb genommen habe.

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Alles klar, wir haben schließlich 2019, also flugs einen neuen Toaster bestellt. Als mir der freundliche Amazon-Logistics-Lieferdienst ein ziemlich großes Paket in die Hände drückte, zeigte ich bereits einiges Erstaunen. Das ändert sich nur leider beim Auspacken nicht – die Umverpackung des Toasters Siemens TT86103 war nicht minder groß geraten. Nun möchte das gute Stück auf seiner Reise gut geschützt sein – so meine Vermutung. Doch beim Auspacken folgte dem Erstaunen die Ernüchterung – der Toaster ist einfach nur riesig! Das Design wäre eigentlich in Ordnung gewesen, aber warum zur Hölle ist das Ding so aufgeblasen? Und warum so dermaßen klobig?

 

Laut der Produkt-Übersichtsseite handelt es sich doch um einen “Kompakt-Toaster”! “Kompakt” – ich hatte mit der Bedeutung “durch eine raumsparende Anordnung der Teile als Ganzes verhältnismäßig klein, wenig Platz beanspruchend und eine einfache äußere Form aufweisend” gerechnet. Oder war hier etwas Anderes gemeint?

 

Beim Vergleich alt gegen neu fielen mir die Fotos diverser Automobile aus der Vergangenheit gegenüber aktuellen Varianten ein. Zum Beispiel der VW Golf, das erste Modell von 1974 gegen das Modell von 2016.

Quelle: https://www.sueddeutsche.de/auto/design-autos-mit-fettsucht-1.2860340-0

 

Breiter, höher, länger. Nahezu jeder Wagen beinhaltet inzwischen viel Luft und noch mehr Kunststoffe.

Quelle: https://www.welt.de/motor/news/article149176132/Tradition-40-Jahre-Volkswagen-Golf-GTI.html

 

 

Hingegen – was bei einem Auto vielleicht noch Sinn ergibt, und zwar aufgrund verbesserter Sicherheit für die Fahrzeuginsassen, mag mir bei einem Küchengerät nicht einleuchten.

Ein Toaster fährt doch eher selten mit 200 km/h über die Autobahn, zumindest nicht selbstständig. Ein Toaster braucht auch keine Knautschzone, denn falls die nicht vorhandene Katze den Toaster mitsamt Toastscheiben während des Toastens auf den Küchenboden zieht, gehe ich sowieso von einem Totalverlust des Toasts aus. Ob der Toaster es überleben würde, steht auf einem anderen Blatt. Komfort und Sicherheit hin oder her – ein Toaster wird zumindest von innen während des Toastens heiß, also nützt es auch eher wenig, wenn die Außenseiten wärmeisoliert sind, schließlich habe ich nicht vor, den Toaster im Kühlschrank zu betreiben. Denn wie durch ein Wunder habe ich meine Kindheit in den 1970er Jahren tatsächlich überlebt – trotz heißen Herdes oder eben auch des bereits genannten Toasters, der vor meinem eigenen Entstehen geboren worden sein dürfte. Und dass die elektronischen Komponenten, namentlich “sensorHeat Control: Elektronisch gesteuerte Röstgradkonstante für gleichbleibende Toastergebnisse” etc. bei immer kleiner werdenden integrierten Schaltkreisen gegenüber einer soliden Mechanik mehr Platz beansprucht, kann ich mir ebenfalls nicht vorstellen. So groß wie das Ding ist, passt da ein kompletter Raspberry-Pi-Cluster hinein, und es würde nicht einmal auffallen! Einen Airbag scheint der Toaster ebenfalls nicht zu haben, also was ist der Grund für so viel umbaute Luft?

Zur Ehrenrettung sei erwähnt, dass andere Hersteller auch nicht viel besser sind. Als Beispiel einige Abmessungen aktueller Toaster-Modelle verschiedener Hersteller (alle Daten aus den Produktseiten von Amazon (^2)):

Siemens TT86103 17 x 31,3 x 18,4 cm
Krups KH 442 D 16 x 19,5 x 29 cm
Philips HD2581/90 18,8 x 27,5 x 15,6 cm
Russell Hobbs Textures 2+ 19,5 x 27,5 x 18,2 cm
AmazonBasics Doppelschlitz-Toaster 30 x 16 x 18 cm
WMF Stelio 30 x 16,5 x 19 cm
WMF Bueno 34 x 21,5 x 20 cm

 

Zum Vergleich der 1970er-Jahre-Siemens-Toaster:

Siemens TT 41 (1970er Jahre) 13 x 22 x 15 cm

 

Verrückt, oder? Und der gute, alte Toaster hat kein Problem mit zu großen Toastscheiben, im Gegenteil! Beim neuen Modell TT86103 ist ein Toastschlitz ca. 14,5 cm lang, während beim alten die Länge knapp 16 cm beträgt. Ergo ein größerer Innenraum bei kleineren äußeren Abmessungen. Darüber hinaus ist die Mechanik so genial, dass es gar nicht möglich ist, dass irgend ein Stück Toast im Toaster bleibt, weil die Seiten offen sind und sich Reste einfach heraus rutschen oder ggf. mit einem Stiel (von Messer, Kochlöffel o.ä.) heraus ziehen lassen. Somit ist auch kein “High Lift” zum “Herausnehmen kleiner Brotscheiben” notwendig. Und weil die Außenseiten des 1970er-Modells nicht aus wegschmelzbarem Plastik bestehen, braucht es auch keinen Kubikmeter Luft als Isolierung. Eine phantastische Ingenieurs-, aber auch Designer-Leistung aus jener Zeit. Form follows function in seiner besten Ausgestaltung!

Falls sich der geneigte Leser nun fragen sollte, warum der trottelige Autor und bekennender Retro-Fan nicht einfach vorher die Abmessungen verglichen hat: Erstens können Männer bekanntlich den Unterschied von ein paar Zentimetern nicht so genau einschätzen. Und zweitens betreffen die Abmessungen aktueller Toaster-Modelle wie oben erwähnt nicht nur einen Hersteller, sondern nahezu alle, zumindest wenn man die Exemplare der bekannteren Markenhersteller heran zieht.

Liebe Siemens Hausgeräte, liebe Toaster-Hersteller, vielleicht bin ich auch der einzige Mensch, der nicht gewillt ist, für den Toaster die Hälfte seiner Ablagefläche zu verschwenden, oder der nicht gewillt ist, jeden Tag den Toaster wieder aus dem Schrank zu nehmen und nach dem Frühstück dort zu verstauen, oder der es nicht versteht, dass ein Küchengerät anno 2019 primär aus Luft bestehen muss, sondern der einfach einen kleinen, schicken Toaster für den täglichen Gebrauch haben möchte und der sogar noch bereit wäre, dafür einen mittleren Preis zu zahlen, selbst wenn nur die Basis-Funktionen bereit gestellt werden und der Bräunungsgrad nicht via App eingestellt werden kann.

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Ich für meinen Teil werde nun doch zum Schraubendreher greifen und nachsehen, ob ich irgendwo in meinem Fundus ein neues Kabel mit Stecker finde, das sich relativ einfach montieren lassen dürfte. Die Lebensdauer des Toasters müsste damit um einige Jahre verlängert werden können. Somit haben Sie, liebe Hersteller, noch ausreichend Zeit für die Konstruktion neuer Modelle, die adäquat in Leistung, Lebensdauer und Größe sind. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

 


(^1) Ich wäre dankbar für Hinweise zum tatsächlichen Produkteinführungsjahr des Toasters. In den Weiten des Internet finden sich ähnliche Modelle mit derselben Mechanik, die mit einem Motiv auf den Seitenflächen bestückt sind, etwa zu den Olympischen Spielen 1972. Auf anderen Fotos befindet sich jedoch bereits ein neueres Logo von Siemens, das ab 1973 verwendet wurde.

(^2) Ralf Geschke ist Teilnehmer des Amazon-Partnerprogramms, das zur Bereitstellung eines Mediums für Webseiten konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Partner-Links zu Amazon.de Entgelte verdient werden können. Bei einer Bestellung bei Amazon.de, die über einen der Links ausgelöst wird, entstehen dem Käufer keine zusätzlichen Kosten.

 

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Kategorien: Allgemein Leben