Oma und die Superfoods

Einmal mehr wurde mir ein Artikel bei Facebook in die Timeline gespült – “Das Märchen von der guten Avocado“. Trotz der für einen Online-Beitrag stattlichen Länge ließ er mich nicht mehr los, denn er beschreibt sehr schön, was mir nicht in den Kopf will. Ein neuer Trend, ein neues “Superfood”. Der gesunde Menschenverstand sollte einem doch sagen, dass es bei diesen ganzen Superlativen irgendwie nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Goji-Beere, Quinoa, Chia-Samen und wie sich dieser ganze Mist auch immer nennt, und eben die Avocado. Mal ganz davon abgesehen, dass ich einer fettigen und falls drei Minuten zu spät verspeist matschigen Frucht nicht wirklich etwas abgewinnen kann, frage ich mich immer: Wie sind wir nur früher ohne das Zeug ausgekommen?

Bei uns war es Oma, die gekocht hat. Wir hatten einen Gemüsegarten, in dem Möhren, Kohlrabi, Mangold, Bohnen, Erbsen, Gurken, Radieschen gewachsen sind. Erdbeeren im Sommer, Johannisbeeren rot und schwarz, Brombeeren, Stachelbeeren und vermutlich noch viel mehr, was mir nicht mehr in Erinnerung geblieben ist. An Erbsen kann ich mich hingegen gut erinnern. Diese wachsen nicht in der Bonduelle-Dose, sondern an Sträuchern in Schoten. Wenn die Schoten noch jung und die Erbsen darin klein waren, pflückte man einfach die Schoten, frimelte sie so auf, dass die Schalen heil blieben, konnte die Erbsen zur weiteren Verarbeitung sammeln oder ebenso gut direkt essen. Aber das Beste waren nicht die Erbsen, sondern die Schoten. Dafür musste man nur das richtige Ende finden, die Schale dort umbiegen, so dass sie sich mit einem Knacken öffnete, woraufhin man die innere, härtere Haut abziehen konnte. Der Lohn der Mühe, die zarte Schale, schmeckte hervorragend!

Für das Grundnahrungsmittel Kartoffeln gab es etliche Bauern in der Umgebung, Apfel- und Pflaumenbäume standen hingegen auf der eigenen Wiese, darüber hinaus gab es auf den nahe gelegenen Hängen oder an diversen Waldwegen – wem diese auch immer gehörten – wild gewachsene Früchte wie etwa Heidelbeeren, Preiselbeeren oder gar Schlehen. Aus dem Obst stellte Oma Marmelade her, zumindest von dem, was ich nach dem Naschen von den Sträuchern übrig ließ. Vorher durch Tausend Liter Wasser ziehen? Ja, konnte man. Aber einer von Omas Sprüchen war “Dreck reinigt den Magen” – und direkt vom Strauch schmeckt’s eh am besten. Ein paar Apfelsorten eigneten sich zum “Einlagern”, ebenso wie Kartoffeln, denn im Winter konnten die Bauern logischerweise auf den von einem halben Meter Schnee bedeckten Feldern nichts ernten. Manches Gemüse wurde “eingekocht”, damit es haltbar wurde. Im Keller stapelten sich spätestens ab dem Herbst die Einweckgläser.

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Natürlich war es nicht so, dass wir nur von selbst angebautem Gemüse gelebt hätten. Im nächstgelegenen Dorf war so gut wie alles vorhanden, was man zum Leben brauchte. Während man den Ort noch prima zu Fuß erreichen konnte, wobei der Weg zurück angesichts einiger Steigungen insbesondere mit vollen Einkaufstaschen immer etwas beschwerlich war, fuhr man für alles Weitere eben in die nächst größere Stadt. Oma konnte nicht Auto fahren, aber wenn Mama nicht der Arbeit wegen weg war (als Alleinerziehende in den 1970er Jahren bei weitem nicht so einfach wie heute), halfen auch mal die benachbarten Großonkel und Großtante aus. Alles andere war nur eine Frage sinnvoller Planung. Ganz nebenbei betrachtet war es bemerkenswert, dass es damaligen Autos möglich war, unbefestigte Wege mit Gefälle oder Steigungen zu bewältigen. Ich bin mir nicht sicher, ob die heutigen Stadtpanzer aka SUV dies in ähnlicher Weise schaffen würden. Mit Spikes funktionierte das sogar im Winter – trotz des “schlechtesten Autos aller Zeiten“.

Was das Essen bzw. das Kochen anbetraf, hatte Oma auf jeden Fall das Kommando inne. Sie war in diesem Sinne eher traditionell, so gab es am Sonntag zwar nicht immer den “Sonntagsbraten”, aber auf jeden Fall immer ein “Sonntagsessen”. Also etwas Besonderes, das es eben nicht an schnöden Werk- bzw. Wochentagen gab. Natürlich gab es durchaus öfter den klassischen Sonntagsbraten, bei dem eben jener die Hauptrolle spielte, wobei auch die Beilagen nicht zu verachten waren. Beispielsweise Schweinebraten mit Klößen und Sauerkraut. Selbstverständlich mit Soße. Oma konnte verdammt gut Soßen herstellen. Weder war es eine zu dünne Brühe, noch erinnerte die Soße in später weniger warmen Zuständen von der Konsistenz her an Pudding. Oma behauptete immer, es läge daran, das richtige Mehl zu verwenden – grobes Mehl, kein feines, und auf keinen Fall den reklamegepriesenen Soßenbinder, die Kartoffelstärke oder ähnliches.

Ebenso wenig wurden Reste entsorgt. Ob der Begriff “Nachhaltigkeit” bereits geboren war, ist mir unbekannt, aber wenn vom Sonntagsessen etwas übrig war, wurde dies selbstverständlich gut verpackt und gekühlt aufbewahrt. Während Oma an Montagen meist einen Eintopf kochte, gab es am darauf folgenden Tag häufig das, was vom Sonntag übrig geblieben war. Oma schaffte es allerdings, dieses Dienstagsessen wiederum anders aussehen und schmecken zu lassen – es war keine Wiederholung des Sonntags. So wurden beispielsweise Kartoffelklöße (merkt man, dass dies eines meiner Lieblingsgerichte war?) nicht einfach aufgewärmt, sondern klein geschnitten und zu Bratklößen verarbeitet. Der Sonntagsbraten wurde bereits in Scheiben geschnitten und wieder heiß gemacht, dazu gab es ein passendes Gemüse – etwa Möhren oder Kohlrabi. Oder eben das, was die Saison gerade anbot oder vorrätig war. Und der Eintopf vom Montag reichte meist auch noch für den Samstag danach. Jeden Tag Einkaufen gehen oder gar fahren war weder notwendig noch sinnvoll. Bei Semmelknödeln – mein mindestens zweites Lieblingsgericht – wurde hingegen auch am Sonntag auf Fleisch verzichtet, was jedoch mehr ein Zufall war. Semmelknödel und Eierschwammerl (Pfifferlinge) – einmal im Restaurant gegessen, in den darauf folgenden Jahren von Oma mindestens ebenso gut zubereitet – perfekt. Oha – ein vegetarisches Gericht! Ja, auch das gab es, aber nicht als Religionsersatz, sondern weil es erstens schmeckte und zweitens passte. Denn Oma war alles andere als eine Fleisch- und Wurst-Verächterin. Sie erzählte öfters davon, wie sie in jungen Jahren an ihren Geburtstagen beschenkt worden war – mit Würsten, die zusammen hängend so lang waren, dass diese um ihren Bauch gebunden wurden.

Bei Oma wurde das gegessen, was auf den Tisch kam. Allerdings kam es nur äußerst selten vor, dass es einmal tatsächlich nicht geschmeckt haben sollte. Denn neben Fleisch, Soße und Beilagen konnte sie auch Gemüse sehr gut zubereiten. Das beinhaltet einerseits den Geschmack an sich, aber ebenso die Konsistenz, die weder an Rohkost, noch an Babybrei erinnern sollte. Vermutlich war es auch diesem Umstand zu verdanken, dass ich auch heute noch gerne und viel Gemüse esse, und das am liebsten so frisch wie möglich, ergo weder aus dem Glas, noch aus der Dose oder aus dem TK-Repertoire. Es war damals völlig normal und ist heute irgendwie interessant, wenn man Gemüse vom Samenkorn über den Sprössling bis hin zur Pflanze mit entsprechenden Früchten binnen weniger Wochen oder Monate aufwachsen sieht – und die Ergebnisse hinterher auch noch gegessen werden können! Daher konnte ich es auch nicht verstehen, dass einige Kinder aus der Verwandtschaft nahezu jeglichem Gemüse eher kritisch gegenüber gestanden sind, um nicht zu sagen, sich dem Genuss verweigerten. Nur wenn Oma gekocht hatte, dann wurde es gegessen!

Dabei zeigte sich Oma durchaus aufgeschlossen Neuem gegenüber. Von Zucchini hatte ich das erste Mal in einem Donald-Duck-Buch gelesen, auf dem Teller landeten sie einige Jahre später nach dem großen Umzug, der den Vorteil von wesentlich näheren Supermärkten mit dem Nachteil eines wesentlich kleineren Gartens verbunden hatte. Manche aus dem neuen, erweiterten Angebot setzte sich durch, anderes nicht. Auch nicht etwa aus dem Grund, weil dies und jenes ach so gesund hätte sein sollen. Überhaupt ist das Argument, dass irgend ein Produkt, auch wenn es nicht schmeckt, gesund sein soll, insbesondere für Kinder ein absolutes Antipattern. Seit diesem Jahr wachsen in meinem Garten nun Tomaten, Heidelbeeren, Äpfel und sogar Paprika und Physalis. Wobei ich eigentlich noch Möhren geplant hatte, aber den Fehler begangen habe, die übrig gebliebenen Tomaten-Sprösslinge in denselben Pflanzkasten zu packen – mit dem Ergebnis, dass sich die Tomaten mit ganzer Kraft durchgesetzt haben. Auch die Auswahl war mehr dem Zufall geschuldet. Ich hatte von Open Source Seeds gelesen und der Möglichkeit, ein paar Tomaten-Samen kostenlos zu erhalten. Der Rest ergab sich irgendwie von selbst.

Vielleicht hatten wir keine “Superfoods”, aber dank Oma wurde das Food super. Schließlich hat sie nicht nur ihre vier Kinder “groß gezogen” – und das von Beginn des Zweiten Weltkriegs bis weit in die Wirtschaftswunderzeit hinein, sondern später auch dafür gesorgt, dass ich “groß und stark” geworden bin, wie man dies seinerzeit so gern genannt hat. Vielleicht werden aber auch diverse heimische Beeren oder alte Obstsorten demnächst genauer unter die Lupe genommen und irgend ein Wissenschaftler stellt werbeträchtig ein paar “Superfood”-Eigenschaften fest. Eine Renaissance der Schlehen? Alles ist möglich.

Heute, am 29.08.2019, wäre Oma 100 Jahre alt geworden.

Elisabeth Anna Elfriede Geschke, 1919 – 2009

 

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Kategorie: Leben