Visionär oder Verwalter?

Oder wenn es der Political Correctness dient, auch Visionärin oder Verwalterin. Letzteres wäre sogar ein Quäntchen näher an der Realität, aber dazu später mehr. Heute Morgen schlug ich Facebook auf, und mir begegnete eines dieser netten Fotos eines Politikers mitsamt Zitat, das geteilt worden war. Gehen wir davon aus, dass die Quelle halbwegs seriös ist – es handelte sich ursprünglich um den Facebook-Auftritt der urdeutschen Institution “Tagesschau”, beziehe ich mich auf folgendes Foto:

Quelle: https://www.facebook.com/tagesschau/photos/a.10151270623184407/10157658566119407/

 

Die meisten Kommentare sind sich einig – welch ein Honk, dieser Herr Johnson, erst wird die USA von einem durchgeknallten Irren regiert, der durch Twitter-Spontaneitäten und zur Lächerlichkeit preisgegebene Frisur auffällt, nun zeigt sich in Großbritannien ein ähnliches Bild – mit nicht viel besserer Haarpracht. Und so wird gelästert, sich darüber lustig gemacht, es werden Memes gepostet, und überhaupt seien solche Aussagen per se nicht nur lächerlich, sondern schlimm und gefährlich.

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Im ersten Moment zeigte ich eine gewisse Tendenz zu einer Antwort wie: Da fehlt ja nur noch “XYZ-Land, XYZ-Land über alles…”. Ja, man kann alles übertreiben, was dann zu Auswüchsen führt, die wir alle nicht wollen. Aber setzen wir mal voraus, dass Herr Johnson nicht komplett unterbelichtet ist oder zu viel am Kleber geschnüffelt hat. Wie lautet seine Aussage? Was ist sein Ziel? Er möchte ein Land, oder genaugenommen sein Land zum großartigsten Land auf der Erde machen. Wie das genau aussehen mag, wird sich zeigen, man könnte beispielsweise an eine Verbesserung bei Bildung, Infrastruktur, Einkommen, Lebensstandard, aber natürlich auch Umweltschutz und ähnliche Themen denken. Man könnte auch interpretieren, dass Herr Johnson sein Land – auch wenn er in einem anderen Teil der Welt geboren wurde – am Herzen liegt. Insofern ist sein Ziel eigentlich nicht nur verständlich, sondern auch selbstverständlich, schließlich möchte man üblicherweise, dass es seinem näheren oder auch weiteren Umfeld gut geht. Das fängt bereits im engsten Familien- und Freundeskreis  an. Wer hat denn bitte noch nicht erlebt, dass man sich selbst schlecht fühlt, wenn es einem engen Familienmitglied nicht gut geht? Wer leidet nicht mit, wenn ein Freund oder eine Freundin gerade in einer Krise steckt? Wer möchte nicht helfen und setzt alles daran, eine derartige Situation – im Rahmen seiner Möglichkeiten – zu verbessern? Sicherlich mag es völlig empathiefreie und egoistische Menschen geben, die sich nicht in die Lage anderer hinein versetzen können und denen demzufolge auch jegliches Interesse fehlt, eine Änderung zum Positiven hin herbei zu fphren. Diejenigen, die den Missstand hinnehmen oder eben nur verwalten. Aber eine normale menschliche Reaktion ist das keineswegs.

Dass sich dieses Gefühl nicht nur auf Menschen bezieht, steht außer Frage – ich selbst bin der beste Beweis dafür. Denn wenn die Web-Seiten oder auch Server, VMs etc., die ich administriere und somit pflege, Probleme haben, oder sogar ausfallen, setze ich doch einige Hebel in Bewegung, um hier Abhilfe zu schaffen. Mein Interesse gilt somit der Behebung jener Probleme, ob auf Soft- oder auch Hardware-Ebene. Und solange nicht alles wieder wie gewohnt und gewünscht, soll heißen, rund läuft, merke ich eine gewisse Unruhe und damit einher gehend eine Art Unwohlsein.

Ein paar Dimensionen größer gedacht möchte ich sogar so weit gehen, dass derjenige, der nicht das Ziel hat, sein Land zum großartigsten Land der Erde zu machen, sein Land hassen muss. In dem Fall wäre er eine völlige Fehlbesetzung als Staatenlenker und hat an dieser Position nichts zu suchen.

Für diejenigen, die mit ihrem Land nichts anfangen können, denen gleichgültig ist, ob das Land, in dem sie leben, eine positive Entwicklung vollzieht, mag das provozierend klingen. Das bestätigt aber nur die Aussage an sich. Wer keinen Bezug zu einer Person, einem Gegenstand, oder eben auch einem Land hat, für den dürfte es eben irrelevant sein, ob es dieser Person schlecht geht, ob ein Gegenstand defekt ist oder ob sich ein Land zurück entwickelt. Merkwürdigerweise trifft man eine derartige Ansicht häufig bei denjenigen, die sich als Erden- oder auch Weltbürger sehen, denen angeblich alle Menschen und selbstverständlich global die Zukunft der Menschheit und damit der Erde wichtig zu sein scheint – zumindest wird diese Intention vorgegeben. Nun will ich gar nicht zu weit in die Soziologie eintauchen oder soziale Netzwerke – damit sind nicht Facebook, Instagram oder Twitter gemeint – analysieren, aber schon allein einer gewissen Logik folgend, ist es unwahrscheinlich, dass ein Individuum dieselbe Beziehung zu engen Freunden wie zu unbekannten Personen auf der anderen Seite der Erdkugel unterhält.

Statt dessen möchte ich die Aussage unter einem anderen Aspekt betrachten, und zwar bezogen auf Wirtschaftsunternehmen. Auch dort steht – im besten Fall – als erstes die Vision. Diese “zeichnet ein Zukunftsbild eines Unternehmens“. Fehlt eine solche, oder ist sie unklar, unverständlich, nicht verinnerlicht oder zu weit entfernt, fehlt also der Blick auf das “große Ganze”, ist es schwierig, die eigenen Handlungen daran zu messen. So wäre es möglich, dass unterschiedliche Tätigkeiten durchgeführt werden, deren Ziele sich widersprechen. Aus der Vision heraus resultieren wiederum Strategien und Ziele. Und nicht zu vergessen die Mission – in ihrer Außenwirkung an die Stakeholder, also Kunden, Partner, Mitarbeiter, Aktionäre etc. gerichtet. Hierbei wird die Vision näher konkretisiert, die Mission gibt hingegen Grundsätze für die Unternehmensstrategie vor, beschreibt den Weg zum Ziel, indem sie den Handlungsrahmen und Verhaltenskodex definiert, bezogen auf Werte, Normen und Aktivitäten des Unternehmens (vgl. Vahs, 2005).

Aber selbst wenn diese Aspekte weniger klar definiert sind als es wünschenswert wäre, dürfte Einigkeit herrschen, dass Unternehmen, und damit auch die Mitarbeiter und Leiter der Unternehmen, danach streben, ihr eigenes Ergebnis und somit ebenso das des Unternehmens zu verbessern und damit eine gewisse Position zu erreichen. Beispielsweise die Marktführerschaft, die noch nicht einmal global bestehen muss. Möglicherweise fühlt man sich auch in seiner Nische, in seinem Marktsegment wohl und hält darin eine führende Rolle. Das gilt genauso für den lokal agierenden Handwerksbetrieb wie für weltumspannende Konzerne. Ob Marktanteile entscheidend für das jeweilige Unternehmen sind, oder Qualitätsaspekte, oder auch die Innovationsführerschaft im jeweiligen Segment erreicht werden sollen, ob man die beste Bewertung bei Google anstrebt oder Nachhaltigkeit in den Vordergrund rückt, letztlich wird versucht – unter Umständen mit einigen Aufwänden im Marketing – Kunden zu gewinnen und an sich zu binden. Dass dies nicht ganz falsch sein kann, wird uns tagtäglich vor Augen geführt. Damit meine ich nicht, dass Wachstum um jeden Preis das Ziel ist und alles andere auf der Strecke bleiben soll. Wie es so schön heißt, belebt Konkurrenz das Geschäft, während ein Monopolist etwa Preise und Bedingungen diktieren kann, was für den Kunden negative Folgen hat, ist die Marktwirtschaft immerhin ein funktionierendes Wirtschaftssystem. Im Gegensatz dazu hat der “real existierende Sozialismus” nur eines gezeigt, und zwar wie es jedem schlecht gehen kann.

Insofern – wer würde einen besseren Geschäftsführer, CEO, Vorstandsvorsitzenden oder ähnliches darstellen – derjenige, der Visionen formuliert und sein Unternehmen danach ausrichtet, oder diejenige, die sich mit dem Ist-Zustand zufrieden gibt? Wobei Letzteres angesichts der Weiterentwicklung der Konkurrenten nicht möglich ist, also letztlich würde es sich um eine Verschlechterung gegenüber anderen Parteien, hier Unternehmen, handeln. In dem Fall würde der Status Quo nur verwaltet, was zur Folge hätte, dass genau dieser Status nicht lange gehalten werden könnte.

Oder um es noch anders zu formulieren – was wäre die bessere Zielformulierung – einen Menschen bis Ende des Jahrzehnts sicher auf dem Mond landen und wieder zurück kehren zu lassen, oder der lapidar-naive Satz “Wir schaffen das!” oder gar “… nun sind sie halt da”. Sogar die “blühenden Landschaften” – oft zitiert und noch häufiger verspottet – waren in diesem Kontext eine Vision, die den Menschen ein klares Bild von der Zukunft der neuen Länder nach der deutschen Einigung gezeichnet hat.

Der genaue Gegensatz ist der reine Verwaltungsaspekt – man ist sich der Umstände oder gar Missstände halbwegs bewusst und bürokratisiert die Aufgabe. Ebenso ließen sich Steve Jobs vs. Tim Cook als Beispiel zitieren. Sicherlich haben sich letztlich beide Persönlichkeiten ergänzt und unterstützt und somit Apple nicht nur vor dem Niedergang bewahrt, sondern zu einem erfolgreichen Weltunternehmen aufsteigen lassen. Ohne Steve Jobs hingegen – keine Chance! Zwar ist Apple nach wie vor ein wirtschaftlich starkes Unternehmen, aber die wirklichen Innovationen sind seit einigen Jahren rar gesät um nicht zu sagen nicht vorhanden. Letztlich profitiert Apple immer mehr von der Infrastruktur, die unter Steve Jobs entwickelt worden waren, während in der Ära des Tim Cook nur noch Verbesserungen auf den Weg gebracht wurden. Ein dünneres iPad oder leistungsstärkeres iPhone mit höher auflösenden Kameras ist alles andere als innovativ. Selbst das Produkt, was als Apple Watch auf dem Markt ist, dürfte noch auf Steve Jobs zurück zu führen sein.

Somit schließt sich der Kreis – erstens darf einem das Schicksal von Menschen, eines Unternehmens, oder auch eines Landes nicht gleichgültig sein, zweitens kümmert man sich primär um das engere Umfeld, drittens wird die Vision – mehr oder weniger – eindeutig formuliert und viertens bewegt man sich in einem konkurrierenden Umfeld, in dem insbesondere Beziehungen untereinander, beispielsweise zwischen Unternehmen, aber auch Ländern, dazu dienen, dass es allen beteiligten Entitäten besser geht. Daran kann ich keinen Aspekt erkennen, der als verwerflich zu bewerten ist.

Es bleibt dabei spannend, wie die Strategie im Detail aussehen wird, mit deren Hilfe Großbritannien zum “großartigsten Land der Erde” werden soll. Ich würde jedoch gerne einmal die Vision der politischen Führer dieses Landes, “in dem wir gut und gerne leben” kennen lernen.

 

 


Vahs, Dietmar (2005): Organisation, 5. Aufl., Stuttgart, Schäffer-Poeschl-Verlag

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Kategorie: Politik