Heimaterde. Heimat. Erde.

Am Montag, den 25.02.2019 lief in der ARD ein Beitrag mit dem Titel “Was Deutschland bewegt – Heimatland“. Aufgrund der weiteren Beschreibung hatte mich diese Dokumentation interessiert, denn augenscheinlich sollte der Kölner Stadtteil Widdersdorf thematisiert werden: “Am Rande von Köln liegt Widdersdorf, das größte private Baugebiet Deutschlands. Mehr als 10.000 Menschen leben hier, aber es gibt kein Zentrum, der Hauptplatz ist meist leer. Was suchen die Menschen, die hierher ziehen?”

Mein Interesse lag darin, mehr über Widdersdorf und insbesondere mehr über das “Widdersdorf Süd” genannte Bauprojekt zu erfahren. Denn die Entwicklung hatte ich zwar nicht hautnah, aber doch in gewissen Abständen immer mal wieder mitbekommen, da in genau diesem Stadtteil ein Teil meiner Verwandtschaft lebt. Bis vor einigen Jahren lagen hinter dem Haus, in dem ich von Zeit zu Zeit zu Besuch war, Felder und Wiesen, man hatte freien Blick auf die Umgebung. Und man konnte am Ende jener Straße noch gut parken. Heute gibt es kein Ende der Straße mehr, zumindest ist dies nicht mehr einsehbar. Statt dessen führt der Weg weiter – zu weiteren Straßen und noch mehr Häusern. Nur die Autos werden an der Weiterfahrt gehindert, ein Poller sorgt für ein nicht umfahrbares Hindernis zwischen alt und neu, einzig per Rad oder zu Fuß lässt sich der Pfad in die neue Welt erreichen. Von der anderen und somit neuen Seite ist es genau dasselbe, also falls man sich einmal mit dem Wagen dorthin verirrt, gelangt man nur wieder durch die am Reißbrett geplanten Straßen und Wege wieder hinaus. Kein Shortcut zwischen den Welten.

Willkommen in Widdersdorf Süd!

Quelle: ARD Mediathek, Was Deutschland bewegt – Heimatland, https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzE0NDQ2YzQ0LWM0MWMtNGNjNy1iNjNkLTY5ZDg3NzFkODY4Ng/was-deutschland-bewegt-heimatland

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Von oben betrachtet wirkt Widdersdorf Süd wie eine Ansammlung von Lego-Steinen, die ein Riese ausgekippt und ein wenig sortiert hat. Eine solche Trabantenstadt ist nicht gewachsen, sondern geplant, was hierzulande eher unüblich ist. Es fehlt nicht mehr viel bis zur Nummerierung der Straßen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung. Das kann durchaus einen ganz eigenen Charme haben, wirkt aber insbesondere auch aufgrund der Baukasten-Architektur sehr steril.

Quelle: ARD Mediathek, Was Deutschland bewegt – Heimatland, https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzE0NDQ2YzQ0LWM0MWMtNGNjNy1iNjNkLTY5ZDg3NzFkODY4Ng/was-deutschland-bewegt-heimatland

Das Grau der Straßen wiederholt sich nicht nur in den Fassaden, sondern auch in den Steingärten, die vermutlich aus Alibi-Gründen mit dem einen oder anderen grünen Strauch bepflanzt sind. Schließlich muss das urbane, moderne Leben auch weiterhin pflegeleicht und verpflichtungsfrei bleiben.

Quelle: ARD Mediathek, Was Deutschland bewegt – Heimatland, https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzE0NDQ2YzQ0LWM0MWMtNGNjNy1iNjNkLTY5ZDg3NzFkODY4Ng/was-deutschland-bewegt-heimatland

Ob diese Standard-Architektur nun als schön gelten kann, darüber mag man trefflich streiten. Letztlich ist es nichts anderes als WBS 70, aber horizontal und in Stücke gehackt. Mit modernem Anstrich, nicht zu vergessen.

Auf Wiedersehen, Widdersdorf Süd!

Nun waren jedoch Widdersdorf, das Bauprojekt, die Planung, die Gestaltung, die Architektur usw. leider überhaupt nicht das Thema jener Reportage, denn als Bewohner der “alten” Welt wurde nur ein exemplarisches Ehepaar interviewt, das auch bereits vorher fernab jeglicher Zivilisation auf einer Insel zwischen grünen und gelben Feldern wohnte. Die restlichen über 5000 Einwohner des “Dorfes” am Rande der Stadt Köln wurden nicht befragt. Laut Wikipedia leben in Widderdorf mit dem Stand vom 31.12.2017 genau 12238 Einwohner. Im ARD-Beitrag werden 7000 Einwohner genannt, die in das neue Wohngebiet hinzu gezogen sind. Da hätte es meines Erachtens schon nahe gelegen, auch weitere Bewohner zu befragen, die vielleicht vor 30, 40, 50 Jahren hinzu gezogen sind und sich ihr Traum vom Dorfleben in der Stadt erfüllt haben, oder diejenigen Bewohner, die vielleicht erst seit kurzem dort wohnen, aber in Häusern innerhalb der alten Grenzen leben. Aber auch darum ging es nicht in diesem Beitrag. Denn selbst die Beispiele der Bewohner des neuen Retorten-Stadtteils durften ihre Gesichter nur jeweils drei bis fünf Sekunden in die Kamera halten und dabei mehr oder minder “moderne” Ansichten vertreten – so hat die Mutter etwa ein “Home-Office”, ist aber dennoch öfter auf Geschäftsreise unterwegs und sieht ihre Kinder einige Tage nicht. Der männliche Teil durfte hingegen gar nichts sagen, eines der Kinder störte Mama dann im “Home-Office”, das sich auch in Hamburg, München oder Tokio hätte befinden können. Auch die Einrichtung im ganzen Haus wirkte steriler als eine lebendige Büroumgebung je sein kann, anstatt Persönlichkeit auf Möbel oder an Wände zu bringen, herrschten Sinnsprüche vor “Life* …blablabla.”. Das wurde letztlich nur noch von der hippen Prezi-Präsentation getoppt, in der “Innere Antreiber”, “Stress” und ähnliche Begriffe sinnfrei animiert den dürftigen Inhalt vertuschten.

Rechts, links, geradeaus, oben, unten…

Aber auch um diese “flexiblen Menschen” wie sie oder ihre Kunden ging es in dem Beitrag nicht, denn das Thema Widdersdorf war nach einer knappen Viertelstunde abgehakt. Denn was nach der dritten Minute nur eine Vorahnung war, bestätigte sich wenig später – die ARD musste ihrem Bildungsauftrag gerecht werden und einmal mehr mit penetranter Vehemenz auf den Zuschauer einhämmern. Als das Beispiel der Stadt Anklam – zufälligerweise in Mecklenburg-Vorpommern und damit im Osten Deutschlands mit ungefähr derselben Einwohnerzahl präsentiert wurde, lautete die Frage nicht, wie diese Stadt die Abwanderung aufgehalten hat, wieso sich Geschäfte rund um den Marktplatz angesiedelt haben, der wenige Jahre zuvor noch wenig belebt war, oder gar ob es eine mit Widdersdorf vergleichbare Situation gegeben hätte, sondern einzig und alleine wurde die aufkeimende rechte Szene thematisiert. Konkrete Zahlen wurden hingegen nicht genannt, nur vermeintliche Netzwerke aus Investoren und ortsansässigen Betrieben in einer Infografik skizziert. Insbesondere Handwerker seien laut ARD darin verstrickt. Nunja, wenn ich ehrlich bin, habe ich einen Handwerker noch nie nach dessen politischer Richtung befragt. Ebenso wenig wie nach der Religion oder Vereinszugehörigkeiten. Zumindest dann nicht, wenn keine weiter gehende persönliche Beziehung herrscht, bei der derartige Themen vielleicht, vielleicht auch nicht relevant würden und zumindest eine interessante Diskussionsgrundlage bieten würden. Aber üblicherweise interessiert mich das Parteibuch des Handwerkers genauso wenig wie die Religion oder ähnliches. Oder um weiter zu gehen – es hat mich nicht zu interessieren. Vielmehr achte ich darauf, dass voraussichtlich die Arbeiten gut erledigt werden und andererseits, dass der Handwerksbetrieb aus der Region, besser noch der engeren Umgebung kommt, eben um die Wirtschaftskraft der Region zu stärken. Nicht zuletzt kann man vielleicht Referenzen einholen, indem man sich in der Nachbarschaft umschaut usw., oder es handelt sich einfach um ortsansässige, traditionelle Betriebe.

Heimat oder auch nicht

Immerhin ist der Heimatbegriff für die Interviewpartner aus CDU/CSU klar definiert – man stelle sich den folgenden Satz bitte im Dialekt vor – “Bayern ist die Heimat, Deutschland das Vaterland und Europa die Zukunft”. Wobei ich mich frage, ob dieser Claim mit Erlangung der Parteizugehörigkeit geschworen werden muss, denn so einig habe ich Politiker selten reden gehört. Nur der Grüne Herr Habeck hatte so seine Schwierigkeiten mit der Definition. Ein Heimatministerium sei Blödsinn, weil Heimat sei Liebe und Liebe brauche kein Ministerium. So oder ähnlich äußerte sich einer der Bundesvorsitzenden der Grünen. Das mag sich für eine gewisse Fraktion gut anhören, aber der Begriff “Liebe” ist allein für sich stehend bedeutungslos. Um Liebe mit Leben zu füllen, bedarf es zumindest ein Gegenüber – ein Subjekt und ein Objekt. Vielleicht ist sogar beides lebendig, vielleicht auch nicht, schließlich gibt es unterschiedliche Arten von “Liebe”. Wenn also der Heimatbegriff als “Liebe” definiert wird, genau diese aber bei gewissen Parteifraktionen fehlt oder sogar das Gegenteil zutage kommt, verwundert es kaum, dass manch einer mit “Heimat” nichts anfangen kann. Doch dabei stellt sich die Frage, was Heimat für den Einzelnen eigentlich ist.

Meine Heimat, deine Heimat

Heimat kann viel bedeuten. Die Stadt, in der man geboren ist. Der Ort, an dem man seine Kindheit verbracht hat. Das Land, in welchem man lebt, und in dem man gerne seine Zeit verbringt – oder verbringen möchte, wenn die Wahl besteht. Genauso wie den Platz, den man sich als ausgesucht hat – allgemeiner gesprochen, eine Gegend, mit der man ein gewisses Gefühl verbindet. Aber ebenso das Grillen und Saufen mit den Nachbarn. Die Lieblingscouch oder der vergilbte, verschrammte, alte Sessel, auf dem man gerne zum Lesen oder zur Entspannung Platz nimmt. Der Ort, an dem die Lieblingsmenschen leben. Das eigene Haus, selbst gekauft, selbst gebaut, selbst geerbt. Die eigenen vier Wände der bevorzugten Traumwohnung, in denen man am Frühstückstisch oder vor dem Fernseher Platz nimmt. Vielleicht auch der Friedhof der Ahnen, an die man sich gerne erinnert, obwohl man selbst Tausende Kilometer weit in der Welt verstreut ist. Die Wiesen, auf denen man in der Kindheit herum getollt ist. Die Esche und Birke, unter deren Schatten man sich versammelt hat und an deren Ästen eine Schaukel befestigt war. Die Schule, in der man viel Zeit mit Lernen und anderem Beschäftigungen verbracht hat. Oder gar das Home-Directory auf dem Server, in dem die persönlichen Daten gespeichert sind. (Ansonsten würde es auch kaum so heißen, oder?) Und so weiter. Die Aufzählung ist keinesfalls abschließend, kann es auch gar nicht sein.

Wahrscheinlich gibt es so viele unterschiedliche Definitionen, aber auch unterschiedliche Dimensionen von Heimat, dass sogar jeder Einzelne mehrere Ideen von Heimat bedienen und benutzen kann. Selbst bei einem Besuch von Wikipedia wird man kaum schlauer – “Eine einheitliche Definition existiert nicht.“, aber immerhin wird auf eine “Beziehung zwischen Mensch und Raum” verwiesen. 

Leider haben sich die Protagonisten in der Reportage kaum bis gar nicht dazu geäußert, sie wirkten eher wie Statisten, die mehr weniger zufällig oder etwa, weil sie “in der Nähe einen Arbeitsplatz gefunden” hätten, nach Widdersdorf gezogen sind. Zum Begriff der Heimat hingegen wurden sie nicht befragt.

Die und Wir – mit dem Holzhammer

Statt dessen wurde eine Definition des britischen Journalisten David Goodhart heran gezogen, in der zwei sich zwei neue Klassen gegenüber stehen. Da wären einerseits die “Anywheres”, die überall leben und sich flexibel anpassen können, und sich dabei wohl fühlen, im Gegensatz dazu stehen die “Somewheres”, die einen engeren Bezug zu ihrem Lebensumfeld haben, enger verwurzelt sind mit einem Ort usw.. Die “Inbetweens”, die Unentschlossenen wurden hingegen nicht weiter thematisiert.

Quelle: ARD Mediathek, Was Deutschland bewegt – Heimatland, https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzE0NDQ2YzQ0LWM0MWMtNGNjNy1iNjNkLTY5ZDg3NzFkODY4Ng/was-deutschland-bewegt-heimatland

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Das dazu hervor gebrachte Schaubild legt nun nahe, dass die “Somewheres” allesamt traditionell und somit “rechts” wären. Dem gegenüber wird die Regierung aus “Anywheres” gebildet. “Anywheres” wären natürlich modern, global denkend, links und in der neuen Welt angekommen, sitzen vor ihrem MacBook (und daneben steht ein Flamingo?!?), während die Anhänger der traditionsbewusste Fraktion Häuser besitzen, im Schützenverein sind, Diesel fahren und AfD wählen. Na hurra. Schon haben wir die perfekte Stigmatisierung, alt vs. neu, Stadt vs. Land, agil vs. klassisch usw..

Gute Heimat, böse Heimat

Vielleicht – und das ist nur so eine in den Augen der ARD vermutlich hanebüchene Idee – wäre es gut und sinnvoll, eine solche Kategorisierung eben nicht vorzunehmen, sondern von einer gewissen Mehrdimensionalität auszugehen, die jedem Menschen innewohnt. Oder um noch weiter zu gehen – vielleicht wäre eine Regierung sinnvoll, die die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nicht nur repräsentiert, sondern auch ihre Interessen abwägt und dementsprechend handelt. Zur Größe der jeweiligen Gruppe wurde übrigens nichts gesagt, ebenso wenig wie zur Altersstruktur, Merkmalen wie Bildungsabschluss oder ähnlichen. Aber ist es nicht vollkommen logisch, dass eine Regierung, die aus “Anywheres” besteht, bei der Gruppe der “Somewheres” auf Ressentiments oder gar Widerstand stößt? Zumindest dann, wenn Letztere den Eindruck hat, nicht angemessen repräsentiert und berücksichtigt zu werden? Das muss nicht einmal der Realität entsprechen, der Eindruck genügt. Je mehr sich die “Somewheres” jedoch bedrängt und unverstanden fühlen, desto weniger Vertrauen werden sie der Regierung schenken. Demzufolge wird die Kluft immer größer. Die ARD-Reportage hat meines Erachtens nach auch nicht den Versuch unternommen, beide Lager zu verstehen oder sich gar ernsthaft damit auseinander zu setzen, sondern eher zu weiteren Spaltung beigetragen. So beginnt im Kleinen, beispielsweise unter Nachbarn das, was im nationalen oder globalen Kontext zu Problemen oder gar Konflikten führt – wenn kein Dialog auf Augenhöhe stattfindet, wenn untereinander kein Respekt entgegen gebracht wird, bleiben alle Vorurteile und die möglicherweise damit verbundene Ablehnung und Widerstände bestehen.

Doch abgesehen von der großen oder politischen Bühle wäre doch interessant gewesen, was “Heimat” für die Widdersdorfer bedeutet. Und zwar sowohl für die Alteingesessenen als auch für die Neuzugänge. In diesem Zusammenhang könnte sich jeder Einzelne fragen, was “Heimat” für einen bedeutet bzw. wie man diesen Begriff definieren möge. Das mag für die CSU-Mitglieder einfach sein, für Herrn Habeck hingegen unlösbar.

Meine persönliche Heimat

Was bedeutet also “Heimat” für mich? Wie definiere ich “Heimat”? Denn so klar wie es auf den ersten Blick wirken mag, ist es tatsächlich nicht. So könnte ich Heimat wie die CSU-Spitze als Bundesland definieren. Das wäre aktuell also Nordrhein-Westfalen. Also wäre NRW meine Heimat? Mitnichten! Erstens haben Rheinländer und Westfalen in diesem künstlichen Konstrukt vermutlich weniger gemeinsam als Franken und Bayern, zweitens habe ich nicht einmal einen besonders großen Bezug zum Rheinland, dessen Brauchtümer, etwa Karneval, und mein Urteil über den Dialekt behalte ich lieber für mich. Die nächst höhere Ebene wäre Deutschland – ist Deutschland meine Heimat? Oder vielmehr – empfinde ich Deutschland als meine Heimat? Tatsächlich muss ich auch diese Frage mit “nein” beantworten. Ich bin Deutscher, und dies auch durchaus gerne, aber Deutschland ist nicht meine Heimat und war es auch nie. Deutschland ist das Land, in dem ich aktuell lebe, und ich kann auch nicht sagen, dass ich dies als schlecht empfinde. Aber für Heimatgefühle ist es einerseits zu groß, andererseits zu differenziert, was die verschiedenen Regionen anbetrifft. Vielleicht würde ich anders empfinden, wenn ich mich in einem anderen Teil der Welt aufhalten und gewisse Eigenheiten, die als “deutsch” klassifiziert werden, vermissen würde. Bleibt also die Stadt oder die nähere Umgebung. Aber ist dies meine Heimat? Auch hier habe ich eine klare Definition für mich gefunden -zwar fühle ich mich hier heimisch, aber es ist dennoch nicht die Heimat. Denn zwischen “heimisch” fühlen und “Heimat” gibt es meiner Ansicht nach einen Unterschied. Ich kann mich an vielen Orten heimisch fühlen, ein Synonym wäre vielleicht “zuhause sein”, aber diese Orte müssen nicht zwangsläufig die Heimat sein. Heimat ist für mich ein klar umgrenzter Bereich, ein Ort, eine Stadt, ein Land, zu dem eine besondere Beziehung besteht und ein Heimatgefühl aufkommt. Beschreiben wir es einfach mit einer wohligen Wärme, die sich als die von Herrn Habeck hervor gebrachte “Liebe” darstellen mag, oder auch die Empfindung, die er damit verbindet. Diese manifestiert sich jedoch in Bezug auf die Heimat an einem Ort, so wie es der Versuch der Definition nahe legt. Somit ist für mich Heimat kein abstraktes Gebilde, sondern tatsächlich mit einer bestimmten Gegend verbunden. Dabei unterscheidet sich “meine” Heimat auch von der Heimat meiner Vorfahren – zumindest wenn z.B. meine Großeltern den Heimatbegriff ähnlich ausgelegt hätten wie ich. Ich betone noch einmal, dass all dies meine Interpretation von “Heimat” ist, ebenso wie das Gefühl, was ich damit verbinde.

Dieses Schriftstück stammt aus dem “Sachkunde-Unterricht” der vierten Klasse der Volksschule Moosburg in Kärnten aus dem Jahre 1982. Es fiel mir auf, als ich letztens in alten Mappen gestöbert habe – selbstverständlich auf der Suche nach etwas völlig Anderem. Meine nicht vorhandenen Talente zum Zeichnen hatten sich bereits damals sehr deutlich heraus kristallisiert…

Nun mag es sich für manch einen albern anhören, aber ich bezeichne Österreich bzw. enger umfasst Kärnten nach wie vor als mein Heimatland. Und ich schätze, daran wird sich auch nichts mehr ändern. Natürlich nicht wegen der hier gezeigten Schriftstücke, sondern vielmehr wegen des Gefühls, was ich damit verbinde. Und sicherlich spielen dabei auch viele Erinnerungen eine Rolle, denn natürlich sieht der Ort, an dem ich die ersten Jahre meines Lebens verbracht habe, inzwischen völlig anders aus. Dank Google Maps lässt sich die Veränderung zumindest aus der Vogelperspektive betrachten. Und das ist auch völlig in Ordnung, denn genau wie die Welt sich insgesamt entwickelt hat, so hat sich auch das Dorf, die Stadt, das (Bundes-)Land weiter entwickelt. Und damit selbstverständlich auch die Menschen, die dort leben. All das ändert jedoch nichts daran, dass ich Kärnten als Heimat bezeichne, oder daran, dass selbst bei Betrachtung von Fotos oder Videos aus dieser Gegend bereits manch ein Heimatgefühl langsam, aber sicher in mir aufsteigt.

Mit ist allerdings nicht klar und ich ärgere mich auch darüber, dass eine solche Einstellung neuerdings und besonders gerne von gewissen Medien als “rechts” oder “rückständig” dargestellt wird, oder dass die Menschen, die einen höheren Heimatbezug haben, als Verlierer der Gesellschaft gelten sollen oder mit Veränderungen nicht umgehen können. Denn was sollte jemanden daran hindern, in der Gegenwart zu leben, sich mit zukunftsträchtigen Themen zu beschäftigen, aber dennoch Traditionen zu achten? Ein Mitglied im Karnevals- oder Schützenverein muss nicht zwangsläufig Gartenzwerge in seinem Vorgarten platzieren, sondern kann genauso gut durch die Welt jetten wie irgend welche It-Girls oder -Boys. Was spricht dagegen, eine starke und gesunde “Homebase” zu besitzen, und gleichzeitig das “Next Big Thing” zu entwickeln? Oder wenigstens “Industrie 4.0” zu gestalten, den chinesischen Markt zu erobern oder das Internet of Things (IoT) zu konstruieren?

Im Gegensatz dazu würde ich vermuten, dass ein Heimatbezug sogar gesund ist. Das Gegenteil davon kam im ARD-Beitrag am Rande zum Vorschein, die Rastlosigkeit, der Stress, der “Burn-Out”, die von der Personalberaterin kurz erwähnt wurden. Auch wenn hier vielleicht Heimat und “Heim” bzw. “Zuhause” verschwimmen, ist meiner Ansicht nach eine Heimatlosigkeit, ein Leben ohne Basis, ohne Wurzeln kaum erstrebenswert.

Heimat. Erde.

Ich könnte den ARD-Beitrag jetzt noch zu einigen Aspekten kommentieren – etwa die Frage stellen, ob die Ausgangsfrage “Wer zieht in ein anderes Bundesland?” im Vergleich von West- und Ostdeutschland überhaupt sinnvoll war. Müsste nicht die Entfernung bei der Frage entscheidend sein? Schließlich kann ein anderes Bundesland auch direkt nebenan liegen. Oder fragen, warum die Beispiel-Familie aus dem Bereich der Neu-Widdersdorfer sich bei allen neuen Nachbarn vorgestellt hat, nicht jedoch bei den Menschen, die schon länger dort leben. Oder die Geschichte des Soziologen aufgreifen – von wegen ein Tisch, dann kämen Leute hinzu, die zwar erst an den “Katzentischen” Platz genommen haben, nun aber an den großen Esstisch wollen und gleichzeitig am besten noch das Essen verändern. Wundert es irgend jemanden, dass in einem solchen Szenario Konflikte vorprogrammiert sind? Aber das können Psychologen vermutlich wesentlich besser erklären. Und so weiter. Immerhin wäre der Bildungsauftrag der ARD mit dem Beitrag voll erfüllt, wenngleich anders als von mir erhofft. Schließlich ging es doch um Widdersdorf, so zumindest mein erster Gedanke. Und vielleicht fühlen sich Alt- und Neu-Widdersdorfer ja auch demnächst in ihrer Heimat. Denn Heimat bedeutet auch Grenzen zu ziehen, eine grenzenlose Heimat kann es nicht geben. Die Grenzen können dabei enger oder weiter gesteckt sein, das ist jedem Individuum frei überlassen. Wer nun behauptet, der gesamte Globus wäre seine Heimat, den würde ich eher als heimatlos bezeichnen. Hingegen ist für alle Menschen die Erde definitiv die Heimat, aber dies gilt dann wiederum einerseits in der Gesamtheit und andererseits in Abgrenzung zu anderen Planeten, Sonnensystemen und deren Bewohnern. Auf eine interstellare Diskussion, was “Heimat” bedeutet, wäre ich dann wirklich gespannt…

Update

Ist in Widdersdorf nun doch nicht alles so schlimm, wie es einem der ARD-Beitrag vor Augen führen mag? Wurde hier etwa mit mehr oder weniger hoher Filmkunst gearbeitet, um dem Zuschauer einen falschen Eindruck zu vermitteln? Fast mag man daran glauben, wenn man etwa eine Überschrift liest wie ‘ARD-Doku verärgert Widdersdorfer “Ich konnte nach dem Film vor Wut nicht einschlafen“‘. Nicht zuletzt könnte sich mein geschilderter Eindruck bestätigen, und zwar dass die Dokumentation sich nicht wirklich mit Widdersdorfer Meinungen befasste, sondern dass es darum ging, die eigene, vorgefertigte Auffassung zu bestätigen und dem Zuschauer eine ordentliche Portion davon auf den Teller zu klatschen. So äußert sich die Pressesprecherin der Widdersdorfer Dorfgemeinschaft wie folgt: “Die ARD wusste offensichtlich schon vorher, was sie zeigen wollte”. Wie war das noch mit einem “verantwortungsvollen Umgang mit Sprache“? Da wurde wohl noch nicht genug sensibilisiert – oder vielleicht doch, je nach Zieldefinition des Beitrags. Die im Artikel des Kölner Stadt-Anzeigers zitierten Bürger bestreiten auch gar nicht, dass noch einige Anstrengungen vor ihnen liegen, es fehle noch einiges, beispielsweise im Rahmen der Infrastruktur, es gebe darüber hinaus zu wenige Begegnungsstätten usw., aber dennoch gebe es positive Signale, die sich nicht zuletzt in einem “wachsenden Interesse der Neu-Widdersdorfer” äußerten.

Des Weiteren gehe man davon aus, dass das Zusammenwachsen der Gemeinschaft schlicht und einfach eine gewisse Zeit benötigt. Auch das dürfte nachvollziehbar und verständlich sein, schließlich lässt sich soziales Zusammenleben nicht unbedingt am Reißbrett planen. Dass auch in anderen (ehemaligen) Neubaugebieten nicht alles so sein mag, wie es auf den ersten Blick scheint, zeigt eindrucksvoll das Beispiel Leipzig-Grünau. Dabei wurde in einer Langzeitstudie die Wohnqualität in Großbausiedlungen untersucht. Die Leiterin der Studie schildert in einem Film die teilweise überraschenden Ergebnisse. Vielleicht wäre es für die Autoren des ARD-Beitrags sinnvoll gewesen, einmal über den Tellerrand hinaus zu blicken und die Frage nach der Zufriedenheit mit dem Wohnumfeld einmal aus sozialwissenschaftlicher Perspektive zu betrachten. Dafür hätte man jedoch ggf. seine Vorurteile über Bord werfen müssen, so dass dem Zuschauer eine weniger einseitige Sichtweise präsentiert worden wäre. Aber das ließe sich natürlich weniger ins Schema links-rechts-neu-alt-gut-böse pressen, nicht wahr, werte ARD?

 

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Kategorien: Leben Politik