Lesen durch Schreiben – hoffentlich ein Auslaufmodell!

Ich könnte ja jetzt schreiben, dass ich es schon von Anfang an gewusst hatte. Aber das wäre ja vermessen, oder? Und manchmal bedauere ich es fast, wenn sich eine meiner Vorahnungen als richtig heraus stellt. Somit – ich habe es von Anfang an gewusst! Da gibt es diese unsinnige Methode “Lesen durch Schreiben” oder auch “Schreiben nach Gehör”. Die Grundschüler sollen nach Gehör erstmal drauflos schreiben, wodurch angeblich die Freude am Schreiben und die Kreativität gefördert werden sollen. Darüber hinaus soll es sich positiv auf die Selbstständigkeit der Kinder auswirken. Korrigiert wird dabei zunächst nicht – oder aber erst später. Sozusagen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist und sich die mitunter extrem falsche Schreibweise den Weg ins kindliche Gehirn gebahnt hat. Das klingt nach einem netten Experiment, wenn es nicht so traurig wäre und auf den Schultern der Kinder ausgetragen würde. Das alles ist natürlich hip und modern und überhaupt, schließlich ist das Korrigieren von falsch geschriebenen Wörtern ja verpönt, vermutlich würde es die Selbstständigkeit der Kleinen ausbremsen.

Also mal ehrlich: Was soll der Quatsch? Grundschüler sind nicht “selbstständig”, es sind Kinder! Dank Helikopter-Eltern und Muttipanzer aka SUVs schaffen heutige Grundschüler nicht einmal den Weg zur Schule alleine oder unter ihresgleichen, aber beim Lesen und Schreiben sollen sie “Selbstständigkeit” erlernen? Darüber hinaus müssen Grundschüler auch noch lange nicht “selbstständig” sein, denn ich wiederhole – es sind Kinder! Sowohl den Eltern als auch den Lehrern obliegt eine Erziehungspflicht, die nur leider zu oft in  Vergessenheit zu geraten scheint. Und damit meine ich nun keine Erziehung nach “Zucht und Ordnung” oder wie sie möglicherweise in vergangenen Jahrhunderten verstanden wurde. Aber Erziehung bedeutet auch, Grenzen zu setzen, wobei dies bei falsch geschriebenen Wörtern ja noch die einfachere Übung ist. Natürlich müssen Kindern Freiheiten gewährt werden, jedoch hat diese Freiheit eben auch Einschränkungen, die nicht zuletzt abhängig vom jeweiligen Alter sind. Mit der Zeit – von Kindheit bis zur Pubertät und hin zum Leben als im besten Fall mündiger Erwachsener verschieben sich auch die Grenzen, die Einschränkungen werden langsam, aber sicher aufgehoben. Nur leider passiert dies zu oft mittlerweile nicht mehr. Die lieben Kleinen dürfen alles, die Eltern schauen belustigt zu, wenn etwa eine Fassade zerkratzt wird, wie jüngst in Düsseldorf geschehen. In dem Fall kann man nur hoffen, dass die Eltern auf Heller und Cent für den Schaden aufkommen müssen (und sich die Versicherung weigert, dies zu übernehmen), aber auch, dass ihre Erziehungsfähigkeit genauer geprüft wird. In dem Fall bin ich übrigens nicht der Meinung, dass die Kinder “nichts dafür” können, schließlich haben sie den Schaden verursacht. Wie war das noch mit der “Selbstständigkeit”? Genau dafür muss man aber gelernt haben, was richtig und was falsch ist, und eine Zerstörung fremden Eigentums ist nun einmal falsch. Aber genau hier liegt das Problem – eine derartige, eigentlich selbstverständliche Ansicht muss auch erst einmal erkannt respektive erlernt werden. Aber wenn die Eltern bereits kein Verständnis für richtig und falsch entwickelt haben, überträgt sich dies leider auch auf deren Kinder. Ein Teufelskreis.

Wo wollte ich eigentlich hin? Ach ja, “Lesen durch Schreiben”. Nun hat endlich eine längerfristige wissenschaftliche Untersuchung festgestellt, dass diese Methode genau zum Gegenteil des eigentlichen Zweckes führt. Und dass die viel gescholtene, weil traditionelle “Fibel-Methode” bessere Resultate erreicht als die ach so modernen, an Anarchie erinnernden Methoden. Denn nicht zuletzt gilt nach wie vor der alte Spruch “aus Fehlern lernt man”. Ja, es wäre schön, von Anfang an alles richtig zu machen. Auch beim Schreiben von Wörtern, beim Bilden von Sätzen, beim Lösen von Rechenaufgaben usw.. Aber wir sind weder perfekt, noch leben wir in einer perfekten Welt. Fehler zu machen gehört zum Lernen dazu, kann aber nur nützlich sein, wenn Fehler so früh wie möglich korrigiert werden. Und genau das ist letztlich der Job des Lehrers oder der Lehrerin! Wenn diese aber durch obskure Ansätze an der Ausübung ihrer Tätigkeiten gehindert werden, läuft etwas schief. Und zwar gewaltig.

Anzeige

Ich könnte jetzt eine Brücke schlagen zu “Trial-and-Error” oder aber agilen Entwicklungsmethoden im Software-Development, Iterationsschleifen, dem Ansatz, so früh wie möglich zu veröffentlichen, um entsprechendes Feedback einzuholen und vor allem darauf reagieren zu können usw.. Tatsächlich gibt es dabei einige Parallelen, denn frühes Feedback wäre analog zum Ansatz, eine falsche Schreibweise umgehend zu korrigieren, was dem Kind es ermöglicht, darauf zu reagieren und zu lernen. Genau dasselbe passiert in modernen Ansätzen der Software-Entwicklung, anstatt eines Wasserfalls, der irgendwann auf die Entwickler herab prasselt und aufwändige, teure Korrekturen zur Folge hat, weil der Fehler möglicherweise sehr früh in der Konzeption zu finden ist, müssen die Kinder die ggf. falsche Schreibweise, die sie viel zu lange pflegen durften, im Nachhinein über Bord werfen und somit aufwändig alles von vorne lernen. Oder zumindest mehr oder minder plötzlich einen größeren Umfang korrigieren als dies der Fall gewesen wäre, wenn sie durch frühes Feedback dazu aufgefordert gewesen wären, eine sofortige Korrektur zu veranlassen und somit ihr Gehirn darauf zu trainieren. Kurios ist diese Parallele schon – die “traditionelle” Fibel-Methode wäre adäquat zur “modernen” agilen Entwicklung, während das Wasserfall-Modell, V-Modell etc. der “neuen” “Lesen durch Schreiben”-Methode ähneln. Während sich die Software-Entwicklung letztlich traditionellen Lernmethoden bedient und dies als fortschrittlich postuliert, gehen die ach so modernen “Lesen durch Schreiben”-Verfechter den umgekehrten Weg? Finde den Fehler!

Und noch ein paar Anekdoten aus dem eigenen Nähkästchen… Denn ich habe in den ersten Jahren in der österreichischen so genannten “Volksschule” Lesen und Schreiben gelernt. Und zwar – wie man leicht aufgrund meines Alters errechnen kann – glücklicherweise mit der traditionellen “Fibel-Methode”. Zwar wusste ich damals nicht, was eine “Fibel” ist, denn diese wurde nie so genannt, aber das war auch nicht nötig. Es gab richtig und falsch, und dies wurde auch so angegeben. Und eigentlich war dies auch ganz einfach, denn jegliche Verwirrung wurde von vornherein vermieden. Eine falsche Schreibweise wurde entsprechend korrigiert, und nicht zuletzt sogar trainiert! Ja, es gab Diktate! Bei manchen Mitschülern waren diese zwar nicht besonders beliebt, aber es war andererseits auch ein gutes Training fürs Gehirn. Und am Ende des Halb- sowie Schuljahres gab es sogar Noten! Puh! Das hätten wir hier nicht gedacht, oder? Ich gebe zu, ich war sozusagen “stolz wie Oskar”, als ich meine erste Leistungsbewertung in Händen hielt, die bereits in der ersten Klasse (sic!) verteilt wurde. Ja, in der ersten Klasse! Keine verschwurbelte, wortreiche Phrasendrescherei, sondern eindeutige Kennzahlen, an denen auch ein Sechsjähriger erkennen konnte, auf welchem Leistungsniveau er sich befindet. Zwar kannte ich jenes Wort damals auch noch nicht, aber eine Eins ist eben besser als eine Drei oder Vier, soviel habe ich verstanden. Ich weiß jedenfalls noch, dass ich mich sehr gewundert hatte, als ich von Verwandten aus DE-Land hörte, dass es dort in den ersten Klassen noch keine Noten gab. Eine vernünftige Erklärung dafür habe ich bis heute nicht gefunden. Ob es heute noch ähnlich gehandhabt wird, ob heute Lehrer noch die Respektspersonen darstellen wie damals, mag man anzweifeln. Ich hoffe nur, dass die Ausbildung zukünftiger Generationen nicht weiter als Experimentierfeld missbraucht wird, sondern dass sich diejenigen Methoden durchsetzen, die nachhaltig, sinnvoll und effektiv sind. Und dass nicht neue Ansätze die Oberhand gewinnen, nur weil sie neu sind oder weil man unbedingt mit Traditionen brechen möchte. Manche althergebrachte Methode hat sich eben einfach als für den Menschen als gut und sinnvoll herausgestellt, was vielleicht auch daher rührt, dass die Evolution zwar stetige, aber nur ganz, ganz kleine Schritte macht. Das Gehirn des Menschen ändert sich nicht binnen einer Generation – auch wenn man angesichts diverser Musikstile manchmal den Eindruck haben mag.

Zum Abschluss ein Beispiel, wie sehr man sich an eine falsche Schreibweise gewöhnen kann. Denn genau das habe ich mit einem einfachen, alltäglichen Wort selbst erlebt. In einem meiner ersten Jobs hatten wir eine Anwendung entwickelt, die seinerzeit “OPST” genannt worden war – ein Akronym für “Online Panel Site Tool”. Auch von der Programmierung her war es damals durchaus interessant, es dürfte eine der ersten wirklich großen PHP-Anwendungen gewesen sein. Aber davon abgesehen war eben dieser Name, der nicht ganz zufällig dem Allerweltswort “Obst” nahe kam. Infolge dessen habe ich vermutlich einige Dutzend Mal, wenn nicht öfter pro Tag “OPST” oder auch “opst” gelesen und geschrieben. Nun darf man raten, was die Folge davon war? Genau – ich musste auch Jahre danach noch überlegen, wie denn das “Obst” eigentlich richtig geschrieben wird. Dabei mangelt es nicht am Wissen der richtigen Schreibweise, denn natürlich war diese immer völlig klar und eindeutig. Vielmehr war ich so auf “OPST” trainiert, dass ich mich dabei ertappte, einen kurzen Moment inne zu halten und zu denken, dass Obst doch ein “b” in sich trägt, nicht jedoch ein “p”…

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Tags:
Kategorie: Allgemein