Nerdspreading – sitze maximal so breit, dass Dir der MacBook nicht herunter fällt!

Und wieder beherrscht eine Diskussion die Twitter- und Facebook-Timelines. Würde sie nicht so erbittert geführt, könnte man sie glatt für bessere – oder schlechtere – je nach Perspektive Comedy halten. Wo ist eigentlich Jan Böhmermann, wenn man ihn mal braucht? Oder hat er sich von seiner Sommerpause respektive seinem Urlaub geäußert und eine Initiative gestartet, um Geld zu sammeln? Egal. Ich beziehe mich auf “Manspreading“.

Wie bitte? Man – was? Zwar halte ich mich für halbwegs up-to-date, aber als ich den Begriff das erste Mal gehört hatte, musste ich auch zunächst googlen. Aber er hat es immerhin schon zu einem Wikipedia-Eintrag geschafft. Dort ist zu lesen, dass es ein “Kofferwort” sei, zusammen gesetzt als “Man” – engl. für Mann und “spreading” – engl. für “spreizen”. Falls man hier bereits ekelige Assoziationen haben sollte, ist dies nicht ganz von der Hand zu weisen, die Erklärung lautet daraufhin wie folgt: “Mit dem Begriff assoziiert man die bei einigen Fahrgästen im öffentlichen Verkehr zu beobachtende Angewohnheit, mit gespreizter Beinhaltung zu sitzen”.

Laut Feministinnen und Feministen sei diese Sitzhaltung sexistisch, chauvinistisch, keine natürliche Sitzhaltung, sondern erzogenes Verhalten und so weiter. Die Gegenargumente sind auch nicht viel besser, von wegen der ganze unten herum hängende Krempel brauche so viel Platz, es sei bequemer und käme der natürlichen Sitzhaltung des Mannes entgegen. Ich vermag gar nicht, diverse Tweets zu zitieren, die sich mit dem Thema beschäftigen, denn wie so oft ist mir die Diskussion einfach viel zu ernsthaft und einseitig auf beiden Seiten. Statt dessen möchte ich ein paar Beobachtungen schildern. Die Management Summary könnte lauten: Kalmiert Euch! Alle!

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Wenn ich zum Beispiel in die Verlegenheit komme, mit dem Bus zu fahren, beobachte ich folgendes: Auf den ganz hinteren Sitzreihen sitzen die Jugendlichen oder diejenigen, die sich dafür halten. Zugegebenermaßen habe ich zwischendurch, also sagen wir in meinen 30ern auch dort gesessen, bis ich festgestellt habe, dass ich wohl doch zu alt für diesen Quatsch bin. Jene Gruppe ist jedoch allgemein recht laut, das häufigste Wort ist übrigens “Alter!”. Eigentlich kurios, schließlich müssen sie noch nicht großartig über eben jenes nachdenken. Neben den etwas lauteren Satzfetzen ist auch eine gewisse Neigung zum Smartphone-Ghettoblaster zu beobachten. Somit werden die übrigen Fahrgäste einer munteren Beschallung aus Geräuschen unterzogen, die entfernt an Musik erinnern, aber tatsächlich “Rap” sein sollen. Oder irgend etwas mit Verbrechern zu tun haben – “Gangsta!“. Im etwas größeren Raum zwischen den vorderen und hinteren Sitzreihen stehen dann Fahrräder, Kinderwagen, Rollstühle oder ähnliches, auf jeden Fall in letzter Konsequenz so ungeschickt, dass man beim Aussteigen unweigerlich darüber steigen muss, wenn man wie vorgesehen die hintere Tür benutzt. Auf den vorderen Reihen ist schließlich eine bunte Mischung zu finden – das ältere Ehepaar, das schweigend die Fahrt absitzt, das Pärchen, das aufgrund seines Alters eigentlich hinten sitzen müsste, aber mit der Musik nichts anfangen kann, der notorische Zuspätkommer-Student, der in letzter Sekunde durch die Tür gehechtet ist und es gerade so auf den ersten Platz geschafft hat und so weiter. Besonders, sagen wir mal “nett” fand ich auch die, sagen wir mal “Familie”, deren weibliches Element in einer Sitzreihe links vom Mittelgang zwei Plätze eingenommen hat, während das männliche Element eine Reihe weiter vorne rechts zwei Plätze belegen musste. Während die Frau dann permanent telefonierte, wirbelte das Kind zwischen Mann und Frau hin und her, es wollte zwar zur Frau, aber da sie den Rap der hinteren Reihen mit vielen, also wirklich vielen Wörtern übertönen musste, schickte sie das Kind wieder zum Mann, der sich zwar bemühte, aber es nicht zu bändigen vermochte. Und das Spiel wiederholte sich noch ungefähr ein Dutzend Mal. Was war ich froh, als ich endlich über den Kinderwagen steigen und das Fahrzeug verlassen konnte!

Im Bus nehme ich ganz gerne die Sitzreihen mit nur einem Platz, immerhin kann ich mich dort so breit machen, wie ich möchte, also zumindest bis ich vom Sitz fallen würde. Angesichts der immer korpulenter werdenden Bevölkerung frage ich mich wiederum, wieso die Sitze immer enger zu werden scheinen? Da wird die neueste Bus- oder Bahn-Generation gekauft, aber die Sitzbreite stammt noch aus der Normgröße der 1970er-Jahre. Diese Kuriosität wird nur noch von der Anzahl der Sitz- vs. Steh”plätze” übertroffen, die oberhalb des Fahrers auf einem Schild zu lesen ist – so in der Art von “37 Sitzplätze, 142 Stehplätze”. Was wird da zugrunde gelegt? Schuhgröße 37 und der Körper oberhalb ist irrelevant? Atmen wird übrigens auch überbewertet.

Bei der Bahn sieht es auch nicht viel besser aus, wobei – dabei muss ich relativieren. Die neuen Regionalzüge hier in der Umgebung besitzen zum einen Sitzreihen mit je drei Sitzen, wie üblich gegeneinander angeordnet. Die Breite dieser Sitze ist in Ordnung. Dann gibt es aber noch die tatsächlich sehr vielen Klappsitze, die quer zur Fahrtrichtung auf der gesamten Wagenlänge, also gegenüber der Sitzreihen angeordnet sind. Früher waren klappbare Sitze eher als Not-Sitz anzusehen, inzwischen gehören diese Sitze aber zum normalen Inventar. Von der Intention her könnte man bzgl. der Breite vermuten, dass die Bahnen nur das Beste für ihre Fahrgäste wollen, schließlich ist Übergewicht ja auch ungesund, und was nicht passend ist, wird passend gemacht. Allerdings dürften sogar die durchschnittlichen Teilnehmerinnen bei “Germanys Next Topmodel” dort an die Grenzen ihrer Sitznachbarn stoßen. Ok, ich bin ein wenig abgeschweift. Aber findet wirklich irgend jemand das Platzangebot der Sitzgelegenheiten im öffentlichen Personennahverkehr angemessen? Eben.

Also zurück zum “Manspreading”. Ja, auch ich beobachte von Zeit zu Zeit diejenigen Geschlechtsgenossen, die sehr breitbeinig sitzen. Und damit nicht genug, meist werden sämtliche muskulösen und selbstverständlich tätowierten Arme auch noch über die umliegenden Sitze verteilt. Bemerkenswerterweise sogar dann, wenn die daran angeschlossenen Finger den neuesten Rap auf dem 1000-EUR-Smartphone bedienen: “Ey, Alda!”

Häufig gesellt sich jedoch zu eben jener Bevölkerungsgruppe die eine oder andere nicht ganz schlecht aussehende Frau, die entweder der oben erwähnten “GNTM”-Sendung entstiegen ist oder Feminismus für eine Kaugummimarke hält. Während also das Männchen unten herum eineinhalb Sitze beansprucht, drückt sich das Frauchen auf dem verbleibenden halben Sitz herum, während gleichzeitig eine Hand das Eigentum des Oberschenkels ihres Mannes manifestiert. Die andere Hand wird schließlich für ein weiteres Smartphone benötigt.

Ich habe noch nie, um es zu wiederholen, noch nie bemerkt, dass die Frau ihrem Kraftprotz Einhalt geboten hat, weder durch Worte, noch durch Zurückdrängen und Beharren auf ihren eigenen Sitz-Zentimetern.

Also ist die Frau schuld an der verfehlten Sitzhaltung eines Mannes? Nein. Aber letztlich auch nicht unschuldig daran. Oder vielleicht fahren Feministinnen und Feministen auch einfach weniger Bus und Bahn, als es einem die Twitter-Timeline vorgaukeln mag. Natürlich habe ich hier ein extremes Beispiel genannt. Und spannend wird es auch, wenn sich Männer gegenüber sitzen, die ein gleiches Verhalten an den Tag legen. Wohin mit den verdammten, zu langen, zu dicken Beinen? Entweder die Knie stoßen aneinander oder ein Bein des Gegenübers befindet sich quasi im Schritt des anderen – eine wenig schmeichelhafte Vorstellung. Dann schon lieber die Hacken und Knie zusammen kneifen und un-ge-spreaded sitzen. Oder wenn man gar auf einen ge-spreadet-en Nebenmann stößt. Also wirklich stößt, denn sobald man tatsächlich auf einem solchen Platz denselben nimmt, beginnt unweigerlich der Revierkampf. In nicht enden wollender, subversiver Art und Weise wird jeder Millimeter verteidigt – der Gegner rückt kurz ab, schwupps, schon ändert man den Winkel seiner eigenen Extremitäten. Und umgekehrt.

Und ich gebe zu – auch ich bin nicht von dieser Haltung befreit. Einerseits sitze ich gerne mit etwas Abstand zum Neben- oder Vordermann. Dasselbe gilt übrigens für die Neben- oder Vorderfrau, wir wollen ja nicht sexistisch sein. Kurzum – der von Kölns Oberbürgermeisterin Frau Reker postulierte halbe Armlängenabstand wäre ein Traum im öffentlichen Personennahverkehr! Andererseits besitze auch ich die mannesüblichen Teile zwischen den Beinen, jedoch gepaart mit nicht ganz dünnen Oberschenkeln. Sorry Leute, ja, meine Beine sind (zu) dick! Ich könnte behaupten, dass dies mit dem Training während meiner Jugendlichkeit zusammenhängt, oder dem Umstand zu verdanken ist, dass ich ziemlich viel zu Fuß erledige, also mitunter umweltfreundlich agiere, aber es könnte auch einfach der einen oder anderen Schokolade geschuldet sein. Zusammengefasst ist somit eine allzu schmale Beinhaltung eher umbequem. Das heißt jedoch nicht, dass eine solche nicht möglich wäre!

Also wenn schon keine Sitze übrig sind und unbedingt jemand in meine Wohlfühlzone eindringen muss, egal ob männlich oder weiblich, kann ich auch mal die halbe Stunde etwas schmaler sitzen. Es kommt eben auch immer darauf an, wie dieser Platz angefordert wird! Falls sich eine Gruppe von Männern und Frauen des oben geschilderten Kalibers über die Sitze ergießt und mir damit gleich einen Schubs gibt, bin ich eher geneigt, meinen Sitz und somit mein Revier zu verteidigen als wenn beispielsweise die ältere Dame oder der mittlere Herr freundlich fragt, ob der Sitz neben mir noch frei sei, ich daraufhin “ja” sage und selbstverständlich dafür sorge, dass zwischen den Plätzen noch ein wenig Abstand geschaffen wird.

Einschub – zum Thema “freundlich fragen”. Achtung! Zu viel Freundlichkeit ist verboten! Wir sind in Deutschland! Soll heißen, die Frage, ob der Platz frei sei, genügt vollkommen. Wehe, es werden “Guten Tag!” oder ähnliche Begrüßungsfloskeln eingeflochten, oder gar gelächelt! Das würde einen nur unnötig verdächtig machen. Ebenfalls muss die Antwort auf die Frage so kurz wie möglich gehalten werden. Ein einfaches “ja” ist also einem “ja, natürlich” vorzuziehen! Nicht, dass es hier noch Missverständnisse gibt!

Andererseits – wenn die Bahn oder der Bus nicht sonderlich gefüllt sind, somit genug Platz ist, wenn ich sogar meinen Rucksack neben mich platzieren und die Beine ausstrecken kann, wäre es für mich eher unnatürlich, wie der Affe auf dem Schleifstein zu hocken, weil das einigen keifenden Twitter-Feministinnen ansonsten sauer aufstößt. Das heißt wiederum aber auch nicht, dass ich mich wie auf dem heimischen Sofa niederlassen muss. Dafür hätte ich auch noch ein Beispiel… Eine meiner letzten Fahren im Regionalzug – es herrschte reichlich Platz, ich setzte mich auf den Platz am Gang in eine jener Dreier-Sitzreihen. Gegenüber mir drei Plätze frei, neben mir zwei, die Reihen vor und hinter mir glänzten ebenfalls eher durch die Abwesenheit von Passagieren.

Nun änderte sich die Situation am nächsten Haltepunkt, als etliche Personen zugestiegen sind. Eine weibliche Variante nahm daraufhin in der gegenüberliegenden Reihe am Fenster Platz. Rein beobachtend betrachtet war sie nicht ganz dünn, ergo verbrauchte sie per se einskommaeinsfünf Plätze. Sie war schätzungsweise zwischen 30 und 40, wobei mir solche Schätzungen immer relativ schwer fallen. Da ich ihre Hautfarbe nicht erwähnen darf, weil ich sonst einem gewissen Lager zugeordnet werde, unterlasse ich es an dieser Stelle. Ihre Taschen verteilte sie auf dem Platz neben sich sowie auf dem Platz gegenüber. Als sie damit fertig war, zog sie ihre Schuhe aus und stellte ihre Füße mitsamt Socken auf dem Platz gegenüber ab. Ihre Sitzhaltung war damit eindeutig als bequem anzusehen. Dass sie dann noch ihre Tupperdose auspackte und einen Duft von Leberwurstbrot verteilte, spielte in diesem Kontext fast keine Rolle mehr. Dass es auch dafür einen Kampfbegriff gibt, wusste ich bis vor kurzem nicht – es nennt sich “She-Bagging” – das Deponieren von Taschen auf den Sitzflächen, meist von Frauen veranstaltet. Da sich die Bahn nicht wesentlich gefüllt hat, bis ich ausgestiegen bin, konnte jene Frau auch weiterhin auf dem öffentlichen Sofa fläzen.

Es ist auch nicht relevant, ob nun Manspreading zuerst da war und She-Bagging eine Antwort darauf ist, oder ob es genau umgekehrt war. Ich will auch nicht ein Verhalten gegenüber einem anderen aufwiegen, aber verdeutlichen, dass es Extreme auf beiden Seiten gibt. Meines Erachtens gehört extremes Manspreading genau so wenig in den öffentlichen Raum wie derartiges She-Bagging oder sich in sonstiger Weise “daneben” zu benehmen. Ich stehe auch dazu, gewisse Regeln einzuhalten, denn alles andere erschwert nur das Zusammenleben in jeglicher Form. Wenn jemand meint, sich unbedingt egoistisch verhalten zu müssen, ist das suboptimal. Erst recht, wenn es sich um einen eng begrenzten, in diesem Fall öffentlichen Raum respektive die doch relativ schmalen Sitzreihen handelt. Andererseits würde ich daraus kein Politikum machen, Männer – oder auch Frauen – von vornherein verunglimpfen oder im Allgemeinen diskreditieren. Es gibt Leute, die benehmen sich einfach grenzwertig, um nicht zu sagen scheiße. Und bei denen sollte es möglich sein, sie darauf aufmerksam zu machen, ohne dass man damit selbst in Misskredit gerät. Mein Versuch, der o.g. Frau nur “böse Blicke” zuzuwerfen, hat übrigens nicht geholfen. Und erneut war ich froh, meinen Haltepunkt irgendwann erreicht zu haben.

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Nerdspreading

Zu guter Letzt hätte ich aber sogar einen Lösungvorschlag! Vielleicht passt diese nur auf eine Minderheit, aber wie wäre es denn damit? Nerdspreading! Heißt: Beanspruche nur so viel Platz, wie du benötigst, um das MacBook Pro 13 Zoll auf deinen Beinen zu halten! Alles darüber hinaus ist sexistisch! Ich habe dies mal wie folgt veranschaulicht:

Nerdspreading. Symbolbild.

Man beachte die rechtwinkelige und geradlinige Beinhaltung. Und nun komm mir niemand mit einem 17-Zoll-Gaming-Notebook mit externer Tastatur und USB-Festplatte! Man kann’s auch übertreiben! 😀

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Kategorie: Politik