Lieber Chinese, einmal die Nummer 815 und einmal die 133!

Dabei wollte ich eigentlich nur ein Kamera-Stativ kaufen! Aber der Reihe nach. Vor einigen Tagen habe ich mich auf die Suche nach einem neuen Stativ für meine Kamera begeben. Es war nicht etwa so, dass ich noch keines gehabt hätte, aber da ich das vor knapp zwei Jahren gekaufte Stativ quasi immer – trotz Schnellwechselplatte – für den Camcorder verwende, wollte ich mir ein neues zulegen. Also erstmal ein wenig gegoogled und versucht, mich “schlau” zu machen.

Ein Hinweis vorweg: Alle in diesem Artikel vorhandenen Links zu Produkten sind Affiliate-URLs. Das heißt, dass ich eine kleine Provision erhalten würde, wenn jemand auf diese Links klickt und anschließend ein Produkt bei Amazon kauft. Für den potenziellen Kunden ändert sich dadurch am Preis natürlich rein gar nichts.

Da gibt es also das klassische Stativ mit Beinen aus Aluminium – quasi der preiswerte Standard. Eine Stufe höher sind dann die Stative aus Kohlefaser-Verbundstoff (Carbon) angesiedelt, sie versprechen ein noch geringeres Gewicht bei gleichzeitig höherer Stabilität. Darüber hinaus existieren dann noch – nennen wir sie einfach “Exoten”, wie etwa Stative aus Holz. Da dieser Artikel weder ein Testbericht ist, noch Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, empfehle ich für detaillierte Informationen über so ziemlich alle Themen rund um Fotografie, somit ebenso zu Stativen die Seiten von Foto + Design Dr. Schuhmacher. Meine Ansprüche waren letztlich nicht besonders hoch – das Stativ sollte ähnlich sein wie mein vorhandenes, sich evtl. etwas niedriger aufstellen lassen, damit ich es auf dem Tisch platzieren kann. Und es sollte sich im eher günstigen Preissegment bewegen, also unter 100 EUR kosten.

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Mit meinem Stativ mit der Bezeichnung “Manfrotto MKCOMPACTADV-BK” bin ich bislang sehr zufrieden. Für mich ist es ein guter Allroundler, außerdem habe ich als noch-nicht-einmal-Amateur auch keine besonders hohen Ansprüche wie ein professioneller Fotograf. Ich schätze jedenfalls daran:

  • Die Schnellwechselplatte. Falls z.B. die SD-Karte getauscht werden muss, die genialerweise nur am Boden des Camcorders zugänglich ist, kann man die Kamera einfach mit einem Handgriff vom Stativ entfernen. Die Schnellwechselplatte bleibt dabei mit der Kamera verschraubt, am Stativ selbst ist eine Vorrichtung zur Befestigung vorhanden, in der die Schnellwechselplatte – und damit die darauf befindliche Kamera – einfach eingespannt wird.
  • Das Gewicht. Es bewegt sich im Rahmen von “leicht genug, aber dennoch stabil”, das Stativ ist somit gut zu transportieren. Ich habe beim Vergleich mit dem Carbon-Stativ (dazu später mehr) jedenfalls signifikanten Unterschied gespürt. In einem Test ist mir die Zahl von 180 g begegnet, die das getestete Carbon-Stativ leichter sein soll – ein lächerlich geringer Wert.
  • Die Größe bzw. die Aufstellbarkeit. Das Manfrotto-Stativ hat fünf Beinsegmente mit Schnellverschlüssen (“Flip Locks” vom Hersteller bezeichnet). Somit lassen sich die Beine auf eine sehr akzeptable Länge ausfahren, und zwar beträgt die Arbeitshöhe maximal 165 cm. Das vom Stativ maximal getragene Gewicht von 3 kg reicht mir dabei vollkommen aus, die Kamera dürfte knapp 1 kg wiegen, insofern ist alles im grünen Bereich.
  • Die leichte Einstellbarkeit dank des 3-Wege-Neigers. Zwar besitzt das Stativ keine Wasserwaage zur Ausrichtung des Kopfes, aber so kann diese auch nicht ungenau sein, außerdem gibt es dafür ja die entsprechenden Tools (künstlicher Horizont etc.) in den Kameras.

Kurzum – mich stört nur wenig an dem Stativ, beispielsweise ist es schwierig, eine gleichmäßige Drehung des Kopfes zu erreichen, falls man auf die Idee eines Kameraschwenks kommen sollte. Und die Original-Manfrotto Schnellwechselplatten sind einfach unverschämt teuer – es erschließt sich mir nicht, wieso eine Schnellwechselplatte knapp 1/3 (i.W. ein Drittel) des Stativ-Preises kosten muss. Zwar liegt eine Platte dem Stativ bei, aber da ich eine zweite Platte für den Camcorder einsetzen wollte, habe ich mich nach Alternativen umgesehen. Tatsächlich sind derartige Vorrichtungen für ein paar Euro bei den einschlägigen Händlern bzw. Marktplätzen verfügbar, aber mein Exemplar hatte einen Nachteil – es war ungefähr einen Millimeter zu schmal. Es ließ sich nicht fest arretieren, sondern wackelte hin und her – und mit der Schnellwechselplatte natürlich auch die Kamera. Ein paar Streifen Panzerband an eine Seite geklebt schafft jedoch schon etwa ein Jahr lang erfolgreich Abhilfe…

Auf der Suche nach einem neuen Stativ habe ich zuerst ein wenig bei Amazon gestöbert, habe mir Testberichte angeschaut usw.. Dabei spielte der Preis wie erwähnt eine nicht zu unterschätzende Rolle, ebenso die maximale Größe etc.. Doch die Suche förderte auch etwas Auffälliges zu Tage – viele der angebotenen schienen aus demselben Ei geschlüpft zu sein, sie ähnelten sich schon auf frappierende Art und Weise. Das betraf sowohl sehr günstige Stative um die 30 EUR als auch Modelle bis zu 200 EUR. Ein Stativ ist mir dabei besonders ins Auge gefallen, es handelte sich um ein Carbon-Stativ, was sich vom Preis her im Spektrum von 70 – 120 EUR bewegte. Und da auch mancher Testbericht nicht so schlecht ausfiel wie erwartet, habe ich mich schließlich zum Kauf des Zomei Q666C entschieden.

Die Eckdaten lasen sich gut – Kohlefaser-Verbundstoff, vier Beinsegmente mit Schraubverschlüssen, Schnellwechselplatte, Kugelkopf mit Wasserwaage usw., und es sollte wie mein bisheriges Stativ eine Arbeitshöhe von ca. 165 cm besitzen. Nebenbei sollte sich das Stativ noch von einem Drei- zu einem Einbeinstativ transformieren lassen.

Meine Wahl fiel also auf das Zomei Q666C, was ich über Ebay bestellte. Zwei Tage später konnte ich es in Empfang nehmen – bis hierhin also nichts zu meckern.

Der Lieferumfang machte ebenfalls einen guten Eindruck, es kam inkl. Tasche, insgesamt schien es durchaus robust zu sein, in zusammengeklapptem Zustand war es auch ansprechend klein. Wie erwähnt – für die Details verweise ich einfach auf die Produktseite, dort sind genaue Größen- und Höhenangaben verzeichnet. Die Beine ließen sich um 180° drehen, dann entfaltete sich das Stativ auch komplett. Allerdings war die minimale Arbeitshöhe nicht so niedrig wie erwartet. Dies lag vor allem am recht hohen Aufbau mit Kugelkopf, Schnellwechselplatte, aber auch daran, dass sich oberhalb des so genannten Schulterstücks, also der Verbindung der Beinsegmente, noch zwei Schraubverschlüsse für die Auszüge befanden. Man könnte meinen, dass sich dadurch auch bei ausgefahrenen Auszügen eine entsprechende Arbeitshöhe ergeben würde. Dem war aber nicht so. Im direkten Vergleich mit meinem bisherigen Stativ war das Zomei keineswegs höher, eher im Gegenteil, trotz anders lautender Angaben in den technischen Daten. Das lag auch daran, dass die Beinsegmente sich nicht sehr weit ausziehen ließen, pro Schraubverschluss bzw. Auszug nur etwa geschätzt 15 cm. Von außen betrachtet hätte ich mit weitaus mehr gerechnet, beim Manfrotto sind es 24 – 28 cm pro Beinsegment. Auf vollständiger Höhe testete ich dann die Wasserwaage des Zomei-Stativs, die eine genaue waagrechte Ausrichtung ermöglichen sollte. Doch genau das Ding war schief! Laut der installierten Wasserwaage sollte die Schnellwechselplatte waagrecht sein, dem war aber nicht so. Tatsächlich schien die Platte mit der Wasserwaage ein wenig schräg eingebaut worden zu sein – so kann es mit der Ausrichtung natürlich nicht funktionieren. Letztlich gefiel es mir nicht, es war eine Enttäuschung zu viel, weshalb ich es schnell wieder zum Händler zurück gesendet habe. Natürlich – es handelte sich um ein sehr günstiges Exemplar, und im Ladengeschäft hätte ich sicherlich auch leicht festgestellt, dass mir die Schraubverschlüsse der Beine nicht unbedingt zusagen. In der Zeit, in der ich mit den Spannverschlüssen das Stativ komplett aufgestellt hatte, schraubte ich noch fleißig an einem Bein des Zomei-Stativs. Ich möchte nicht einmal behaupten, dass das Stativ schlecht gewesen sei – bis auf die schiefe Wasserwaagen-Ebene vielleicht. Alles andere war in Ordnung, doch es entsprach nicht meinen Erwartungen. Beispielsweise ließen sich die Beine zwar so einstellen, dass sie fast horizontal standen, um eine möglichst geringe Arbeitshöhe zu erreichen, doch dann benötigten eben diese Beine auch jede Menge Platz. Mich wunderte nur das durchaus gute Abschneiden bei diversen Tests, aber ich wollte mich lieber auf die weitere Suche begeben.

Ergo habe ich mir die Alternativen angeschaut, aber das endete darin, festzustellen, dass es kaum welche gab! Genau dieser Aspekt störte mich tatsächlich am meisten. Dass Eigenmarken, etwa die AmazonBasics-Reihe sich OEM-Herstellern bedienen, dürfte klar und verständlich sein. Amazon nutzt hier einfach seine enorme Bekanntheit, verbunden mit höher Stückzahl und entsprechenden “Economies of Scale”, d.h. Skaleneffekte, die es dem Händler erlaubt, niedrige Preise anzubieten. Amazon kauft somit große Mengen bei den Herstellern günstig ein, das Amazon-Logo wird darauf platziert und fertig. So findet sich etwa ein bis auf Farbdetails nahezu identisches Stativ im Programm von AmazonBasics. Aber neben Amazon gibt es ja noch andere Anbieter, die ihre Produkte auf Amazon und anderen Seiten verkaufen. Doch warum bieten so viele schlicht und einfach dieselben Produkte an? Anscheinend gibt es irgendwo in China einen Hersteller dieser Stative, ob aus Aluminium oder Kohlefaser, dazu unterschiedliche Höhen, Farben etc., und damit wird dann jeder bedient. Sogar Marken wie Manfrotto sind davor nicht gefeit! Tatsächlich findet sich eine Produktreihe, deren Typen ebenfalls Brüder oder Schwestern jener China-Stative zu sein scheinen.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit habe ich die folgenden Marken bzw. Labels und Modelle gefunden.

 

Marke / Label z.B. Modell Bemerkungen
Zomei Q666C Carbon-Ausführung
Zomei Q666 Aluminium-Ausführung
K&F Concept TM2324 mehrere Farbausführungen, Aluminium, zwei Höhen
Manfrotto Element Traveller Carbon Kit Mehrere Farben, Carbon oder Aluminium, zwei Höhen. Bei Manfrotto scheint es von der Produktlinie abhängig zu sein, ob sich im China-Baukasten bedient wurde oder nicht. So wurde in einem Testbericht speziell darauf hingewiesen, dass ein darin getestetes Modell nicht in China, sondern in Italien, dem Stammsitz des Unternehmens, hergestellt wurde.
Sirui NT-1005X/E-10 Universal Traveler Wiederum mehrere Ausführungen, unterschiedliche Höhen
Pazzimo Das Modell besitzt zwar keine Wasserwaage, ist ansonsten aber sehr ähnlich
Coman Photo C2016
Beschoi diverse Modelle Aluminium, unterschiedliche Höhen
Rollei Modellreihen C4, C5, C6 Rollei gehört zwar zu den großen und bekannten Namen, aber zumindest einige Modellreihen sehen identisch aus im Vergleich zu den hier bereits genannten Stativen. Ich vermute ein ähnliches Vorgehen wie bei Manfrotto – hochwertige und hochpreisige Stative werden möglicherweise noch selbst produziert oder zumindest exklusiv von einem Hersteller für Rollei, so dass weniger Clone existieren.
ESDDI Kamera Stativ
Fotopro X-go In vielen Farben bzw. Farbkombinationen erhältlich – immerhin eine Art USP.
AmazonBasics Reisestativ, Carbonfaser
Cullmann Serie Mundo Unterschiedliche Ausführungen, unterschiedliche Höhen. Kleinere Abweichungen in Farbe und Schraubverschluss eines Auszugs, ansonsten jedoch sehr ähnlich.
Heyosyn Fotostativ K2508
Neewer Kohlefaser 168 Zentimeter Stativ

 

Und so weiter – ich bin mir sicher, dass das weitaus nicht alle Marken oder Labels gewesen sind, die diesen Stativ-Weltbürger verkaufen wollen. Ebenso muss erwähnt werden, dass diese Baureihe nicht die einzige ist, so finden sich auch andere Typen bei einer Vielzahl von Herstellern, die sich sehr ähnlich sehen. Jedoch scheint diese Reihe momentan die beliebteste zu sein.

Als Kunde verwirrt mich dies umso mehr – ich kann nicht einmal einer etablierten Marke vertrauen, oder umgekehrt, welchen Vorteil habe ich, die Produkte jener Marke zu kaufen, die zudem wesentlich teurer angeboten werden als vom Noname-Vertrieb, wenn letztlich derselbe chinesische Hersteller dahinter steckt? Hier lohnt es sich, sehr genau hinzuschauen, letztlich hat mich das Ausmaß doch sehr überrascht.

Nicht zuletzt kann ich auch nicht wirklich nachvollziehen, was sich die Anbieter davon versprechen. Zu meinen Studienzeiten hatten wir mal ein BWL-Planspiel durchlaufen, soweit ich mich erinnere, lautete die Aufgabe, Surfbretter zu verkaufen. Dabei konnte man eine Kosten- bzw. Preisführerschafts-Strategie, als auch eine Innovationsführerschaft anstreben. Beides sehe ich bei derart vielen Anbietern derselben Produkte hier nicht. Die Preise bewegen sich in einem gewissen Spektrum, dabei ist es nicht so, dass sich die Anbieter gegenseitig unterbieten, teilweise findet man völlig unbekannte “Marken”, deren Stative teurer verkauft werden als es etwa Amazon gelingt. Zugegeben, vielleicht kenne ich die Marken auch einfach nicht, aber genau dann würde ich mich bei identischen Produkten doch rationalerweise für das Produkt mit dem geringsten Preis entscheiden. Und von Innovationsführerschaft müssen wir gar nicht reden, denn auf ein Produkt, deren Hersteller irgendwo in China liegt, einen eigenen Namen zu platzieren, fällt nun nicht unter die Kategorie. Also wie wollen sich diese Anbieter differenzieren? Der oftmals beschworene USP (Unique Selling Proposition, dt. Alleinstellungsmerkmal) fehlt hierbei doch komplett!

Ich war letztlich irgendwie genervt von den vielen Anbietern, alle auf Amazon verfügbar, ebenso auf Ebay, teilweise mit eigenen Webseiten, auf denen die Produkte in höchsten Tönen beworben wurden, aber letztlich mit demselben Angebot wie bei einem Dutzend anderer Unternehmen.

Vielleicht gibt es auch Anbieter, die diese Produkte erst gar nicht in ihrem Portfolio haben – das hätte ich beispielsweise von den traditionellen und etablierten Unternehmen wie Manfrotto, Rollei oder Cullmann erwartet. Aber weit gefehlt, auch sie bedienen sich derselben Baureihe vom Chinesen, zumindest bei den günstigeren Angeboten. Das soll nicht heißen, dass ich etwas gegen chinesische Firmen hätte – im Gegenteil – ohne China und deren Produkte würde meine IT-Landschaft hier vermutlich nur sehr eingeschränkt funktionieren.

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Bedauerlicherweise habe ich nun noch immer kein Stativ gefunden, was mir gefallen würde. Vielleicht bleibe ich einfach bei meinem, oder ich versuche es mit einem günstigen AmazonBasics-Modell. Und vom gesparten Rest gehe ich mal wieder zum Chinesen – lecker Essen!

Und zum Schluss noch ein wenig Reklame:

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Kategorie: Technologie