Die Polizei, dein Freund und … Rassist?

Es ist schon eine ganze Weile her, als ich mal von der Polizei kontrolliert wurde. Und zwar als Fußgänger in einer Personenkontrolle. Was war passiert? Ich war – wie zu Studentenzeiten üblich, von der Uni auf dem Weg nach Hause, bin zu Fuß gegangen, trug einen Rucksack, in dem ein paar Unterlagen, Ordner etc. verstaut waren, als mich plötzlich an einer Kreuzung einige Polizisten angehalten haben. Zugegeben, es war schon ein wenig merkwürdig, denn es waren wirklich einige Polizisten, ich kann mich an die genaue Zahl zwar nicht mehr erinnern, aber ich schätze, es waren acht bis zehn, somit definitiv mehr als die Besatzung eines Streifenwagens. Und die Situation wirkte durchaus ein wenig bedrohlich, denn ich wurde nicht nur umkreist, sondern mit vorgehaltenen Waffen angehalten und sollte meinen Ausweis zeigen. Da stand ich nun an dieser Straßenkreuzung, hinter mir Polizei, vor und neben mir sowieso, somit von allen Seiten gesichert, und soweit ich mich erinnere, habe ich auch nicht nur die üblichen Pistolen, sondern auch einige MPs (Maschinenpistolen) gesehen. Einer der Beamten hatte inzwischen meinen Ausweis erhalten, ging ein paar Schritte weiter, murmelte etwas in sein Funkgerät. Die umstehenden Passanten machten das, was man als umstehender Passant nun einmal macht, wenn einem die Situation nicht ganz geheuer ist – ziemlich doof aus der Wäsche, aber dafür umso interessierter zuschauen. Heute wäre vermutlich das eine oder andere Handy gezückt und das Schauspiel aufgenommen worden. Nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei, denn genauso wortkarg wie die Situation begonnen hatte, endete sie auch – ich bekam meinen Ausweis zurück und wurde mehr oder minder freundlich aufgefordert, weiter zu gehen. Ich fragte schlussendlich noch eine Polizistin aus der Runde, warum dies alles stattgefunden hätte und bekam eine auf Effizienz getrimmte Auskunft von wegen “Banküberfall”, “Nähe” und “Rucksack”. Aha.

Daraus ließ sich immerhin interpretieren, dass wohl in der Nähe ein Banküberfall stattgefunden hatte, der Täter auf der Flucht war und einen Rucksack trug. Und natürlich muss er männlich gewesen sein, ansonsten wäre die Kontrolle ja sinnlos gewesen.

Und was macht man als normaler Staatsbürger, wenn einem Derartiges widerfährt? Richtig, nichts. Oder nein, in passenden oder unpassenden Momenten erzählt man davon, ach damals, das war schon kurios… Natürlich habe ich mich in dem Moment nicht gerade wohl gefühlt, aber andererseits hatte ich soweit ich wusste auch nichts verbrochen, war mir keiner Schuld bewusst, insofern konnten mich die Damen und Herren Polizisten auch kontrollieren. Vielleicht hätte ich mir eine angenehmere Ansprache oder eine genauere Erklärung gewünscht, und ein wenig mulmig ist einem natürlich, wenn man plötzlich von schwer bewaffneten Polizisten umringt wird. Aber was hätte ich andererseits tun sollen, außer ruhig zu bleiben und darauf vertrauen, dass sich die Situation schnell klärt? Und ich habe nach wie vor absolutes Verständnis dafür, wenn die Beamten ihrem Job möglichst effizient nachgehen, anstatt mit Freundlichkeitsfloskeln um sich zu werfen.

Anzeige

Nichtsdestotrotz lässt sich resümierend feststellen, dass ich in Verdacht geraten war, weil ich männlich war und weil ich einen Rucksack trug. Wenn ich in Anzug und Krawatte die Kreuzung hätte überqueren wollen und eine Aktentasche anstatt eines Rucksacks getragen hätte, wäre ich vermutlich nicht kontrolliert worden. Die Polizisten hatten mich also aufgrund gewisser Merkmale heraus gepickt, die ich in dem Moment nicht hätte ändern können. Auch heute trage ich noch gerne Rucksack – ist einfach bequem. Und ein Anzug gehört nicht zu meiner bevorzugten Kleidung. Vielleicht war ich in den Augen der Beamten auch ein wenig zu forsch gegangen – sie konnten aber nicht wissen, dass das mein normales Tempo war, da ich meist möglichst schnell von A nach B möchte.

Muss ich erwähnen, dass mir nicht im Traum eingefallen wäre, nachfolgend irgend etwas gegen die Polizei zu unternehmen? Zwar vergisst man derartige Vorfälle nicht, schließlich war jener Heimweg etwas aufregender als die Myriaden derselben Wege an anderen Tagen. Und irgendwie war es eine der üblichen Stammtischgeschichten, also wenn ich einen solchen hätte, wäre es perfekt dafür geeignet gewesen, nach dem Motto – damals, als ich verdächtigt wurde…

Und wäre es nicht mehr als absurd, wenn ich nach der Kontrolle, die nur aufgrund meines Rucksacks und sonstiger, für mich nicht transparent dargelegter Merkmale, die Exekutive gar verklagt hätte? Schließlich hätten alle die Kreuzung querenden Menschen kontrolliert werden müssen, ob männlich, ob weiblich, ob mit Handtasche oder mit Rucksack, Baumwollbeutel, Plastiktüte… Zu Hilfe, ich bin diskriminiert worden! Also schnell den nächsten Anwalt geschnappt und Klage erhoben. Klingt mehr als übertrieben und letztlich einfach nur bescheuert? Na selbstverständlich wäre es das! Absolut unverständlich, an den Haaren herbeigezogen, völlig indiskutabel! Ich kann mich nur mehr als wundern, dass jemand überhaupt auf eine derartige Idee gekommen sein soll.

Genau das ist aber passiert. Siehe zum Beispiel in diesem Artikel. Das ist Deutschland in den 201x-er Jahren. Tatsächlich war ein Mann mit dunkler Hautfarbe von der Bundespolizei kontrolliert worden. Und daraufhin hat er vor Gericht Klage erhoben und zu allem Überfluss auch noch Recht erhalten. Er war kontrolliert worden. Nur kontrolliert. Ich wiederhole – eine normale Personenkontrolle hat stattgefunden! Tatsächlich habe ich keine Quelle gefunden, in der den Polizisten ein nicht sachgemäßes Handeln unterstellt wurde, also der Mensch wurde nicht zu Boden geworfen, in Handschellen abgeführt oder ähnliches, sondern er sollte einzig und allein seinen Ausweis zeigen.

Wenn man nun die Polizisten nicht a priori als dumm, unfähig oder gar rassistisch verurteilt – was hierzulande leider zu gerne getan wird, sollte man meinen, dass sie Personenkontrollen aufgrund gewisser Merkmale durchführen. Das ist sicherlich von Fall zu Fall unterschiedlich, ob sich nun jemand verdächtig macht, weil er zu schnell und mit Rucksack die Straße entlang marschiert, oder am Bahnhof herum lungert und sich womöglich kaum bewegt. Ich möchte ebenso davon ausgehen, dass die Damen und Herren Gesetzeshüter schon einige Erfahrungen in der Polizeiarbeit mitbringen, so dass sie einige Rückschlüsse aus dem Verhalten der betreffenden Personen führen können. Und natürlich gibt es auch – wie in meinem Fall – false positives, also letztlich Schlussfolgerungen, die trotz gewisser, vielleicht sogar im jeweiligen Kontext eindeutiger Merkmale nicht bestätigt werden können. Erst erfolgt die Kategorisierung in verdächtige und unverdächtige Personen, dann wird kontrolliert und aufgrund der dadurch gewonnenen Erkenntnisse kann eine genauere Abgrenzung erfolgen. Denn es wäre schon personell nicht möglich, alle Personen, etwa in einem Bahnhof, unter die Lupe zu nehmen.

Umgekehrt muss man sich fragen, wen die Polizei angesichts eines derartigen Urteils überhaupt noch kontrollieren darf. Vielleicht die 83-jährige, Rollator-fahrende Oma? Oder den Rucksack-tragenden, schnell nach Hause wollenden, männlichen Studenten? Ich empfinde das Urteil jedenfalls als Schlag ins Gesicht all derjenigen Damen und Herren, die tagtäglich ihre Arbeitskraft, aber auch ihre Gesundheit und ihr Leben einsetzen, um Deutschland zu dem zu machen, wofür es einst geschätzt wurde – ein freies und sicheres Land, in dem wir gerne leben wollen.

Und wenn nur “ein konkreter Verdachtsfall” (siehe Artikel, lt. Staatssekretärin Christiane Wirtz) kontrolliert werden darf und man der Aussage “Sein Verhalten kann jeder Mensch selbst beeinflussen – das Aussehen nicht.” (lt. Maria Scharlau, “Expertin für Polizei und Menschenrechte der Organisation Amnesty International”) in letzter Konsequenz zustimmt, hätte ich damals wohl auch die Polizei verklagen können, weil ich nicht wie ein Banker, sondern eher studentisch und rucksacktragend ausgesehen habe. Welch hanebüchene, obskure Vorstellung!

Anzeige

Dennoch wird den Polizisten Rassismus vorgeworfen, weil sie nicht belegen konnten, dass “Menschen mit einem bestimmten Merkmal […| überproportional häufig strafrechtlich in Erscheinung träten”. Oder anders: Den Beamten wird ein grundsätzliches Misstrauen entgegen gebracht, dass sie sich eben nicht auf “Daten, Fakten und interne Lagebilder” (lt. Stephan Mayer, Parlamentarischer Staatssekretär im BMI) stützen, sondern ausschließlich die Hautfarbe als relevant ansehen. Das könnte zwar auch zutreffen, beispielsweise, wenn zwei gleichaltrige Männer, in etwa identisch gekleidet, sich gleich unauffällig verhalten und nebeneinander gemeinsam auftreten würden und das einzige Unterscheidungsmerkmal die Hautfarbe wäre. Wenn dann der dunkelhäutige Mensch kontrolliert würde, der hellhäutige aber nicht. Ich wage aber die These, dass eine derartige Situation im konkreten Fall nicht vorzufinden war.

Aber was weiß ich denn schon? Ich bin ja nur ein hellhäutiger, männlicher Deutscher und somit per se Rassist. Und schuldig sowieso. Daher darf ich auch nicht beurteilen, was Rassismus ist und was nicht. Ist aber auch egal, denn das hat ja bereits das Oberverwaltungsgericht Münster erledigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Tags:
Kategorie: Politik