Über Flüchtlinge und Ausländer – ganz persönlich

Mitunter wird einem bei Facebook trotz definitiv vorhandener Filterblase auch der eine oder andere Artikel in die Timeline gespült, der eine nähere Betrachtung wert ist. So ist es mir vor wenigen Wochen ergangen mit “Meine Schrottcontainerkindheit” aus dem Zeit Magazin, in dem eine junge Frau schildert, wie sie ihren Weg vom Asylantenheim bis hin zum Studium bewältigt hat, wie es ihrer Familie ergangen ist, welche Unsicherheiten es gab usw.. Der Artikel bleibt eher persönlich und bewegt sich weniger auf der großen politischen Bühne. Ebenfalls muss man der Autorin zugute halten, dass sie auf ihre auch durchaus negativen Erlebnisse in der Kindheit zwar hinweist, sich aber nicht darüber beklagt. So bleibt insgesamt ein sehr positiver Eindruck, doch ich möchte hier gar nicht weiter den Artikel rezensieren, denn darüber kann und darf sich jeder selbst ein Urteil bilden.

Vielmehr führte mich der Artikel, insbesondere angesichts des Umstands, dass die Autorin zwar in Deutschland geboren ist, aber ihre Eltern aus Vietnam stammen, zu Erinnerungen an die eigene Kindheit.  Nun bin ich zwar in Österreich geboren und habe meine ersten neun Lebensjahre dort verbracht, aber als Ausländer habe ich mich nie gefühlt. Das dürfte nicht zuletzt an der gemeinsamen Sprache liegen, oder auch daran, dass sich die Kultur nur wenig unterscheidet, dass die Hautfarbe ungefähr dieselbe ist usw.. Ich wurde auch fast nie als “der Deutsche” bezeichnet oder gar beschimpft, ich fühlte mich in diesem kleinen Ort in Kärnten einfach nur wohl und war das, was man heutzutage “integriert” nennen würde. Zugegeben, eine Ausnahme gab es. Und zwar Fußball-Länderspiele. Insbesondere wenn es zu Begegnungen zwischen Deutschland und Österreich kam. Meist hatte Deutschland gewonnen, seltener Österreich, was ich persönlich zwar immer bedauerte, was meine damaligen Mitschüler oder Freunde aber nicht gelten lassen wollten. Nun gut, wir waren Kinder…

Ich wurde 1979 mit fast sechs Jahren eingeschult, was den Kreis meines Umfelds zwar erweiterte, aber dennoch blieb es bei einer sehr homogenen Zusammenstellung. Kinder aus dem kleineren Dorf, in dem es nicht einmal Straßenbezeichnungen gab, trafen auf Kinder aus dem nächstgrößeren Dorf und auf weitere Kinder, die aus den umliegenden Dörfern zur Schule gebracht wurden. So vergingen die ersten Schuljahre, und am Ende gab es sogar Noten! Keine merkwürdigen Wischiwaschi-Beurteilungen, sondern ganz klare Ansagen, mit denen man zufrieden, auf die man vielleicht sogar stolz war – oder eben auch nicht. In aller Bescheidenheit eines damaligen Volksschülers – bei mir überwog ersteres. Das Lernen machte Spaß, ich brauchte mich gar nicht sonderlich anzustrengen und so gehörte ich zumindest zur Spitzengruppe innerhalb der Klassengemeinschaft.

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Eines Tages – ich kann mich leider nicht mehr genau erinnern, in welchem Jahr es genau gewesen war – kamen neue Mitschüler hinzu. Ihre Namen waren – daran kann ich mich noch erinnern – Minh, Linh und Viet. Und falls mich meine Erinnerungen doch getäuscht haben sollten, oder die Namen geringfügig anders geschrieben worden waren, so bitte ich dies zu verzeihen. Immerhin liegt dies nun mehr als 38 Jahre zurück, und an dieser Stelle ist es auch wichtiger, dass sie nicht “Frank”, “Alexander” oder “Monika” hießen und auch nicht so ausgesehen haben. Minh und Viet waren übrigens “Buben”, Linh ein “Madl”. Minh war eher klein und kräftig, Linh groß gewachsen und schlank, Viet lag genau dazwischen. Ihnen gemeinsam war ein Aussehen, was sich ein wenig von den übrigen Kindern unterschied und was man heute als “asiatisch” bezeichnen würde. Und fortan gingen sie eben mit uns zur Schule. Sie kamen aus Vietnam, aber ich kann nicht behaupten, damals viel mehr über sie gewusst zu haben.

Aus heutiger Sicht – und dank der unerschöpflichen Quellen des Internet – wird deutlich, dass sie vermutlich zu den so genannten “Boat People” gehörten, die Ende der 1970er- bis Anfang der 1980er-Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges aus Südostasien aufgrund verschiedener Ursachen geflohen sind. Nach den Rettungsaktionen auf hoher See wurden die Bootsflüchtlinge dann von diversen Staaten aufgenommen und ihnen Asyl gewährt. Eine gewisse Parallelität zur aktuellen Asyl- bzw. Flüchtlingskrise ist dabei zwar nicht zu verbergen, und wenn es damals bereits das Internet mit Facebook, Twitter und Jan Böhmermann gegeben hätte, wäre es vielleicht auch zu einer ähnlichen Situation und Diskussion wie heute gekommen, andererseits spricht bereits die Anzahl der Bootsflüchtlinge dagegen, die mit ca. 35000 für das Gebiet der damaligen BRD angegeben wird.

Und so waren ab Anfang der 1980er-Jahre eben drei neue Mitschüler in der Klasse. Über die genauen Umstände wusste ich damals nicht Bescheid, ich kann nicht einmal sagen, ob sie vielleicht als Kinder aus dem nahe gelegenen SOS-Kinderdorf gekommen sind, ob sie mit Eltern oder allein nach Österreich gelangt sind oder ähnliches. Sie waren da – und soweit ich mich erinnere, hat sich niemand daran gestört, eher im Gegenteil. Vielleicht gab es auch Vorbehalte, aber wenn, dann waren sie mir nicht aufgefallen. Vielleicht war es so wie die Frage nach der Fußballmannschaft, zu “der man hält”. Bei allem anderen spielte die Herkunft keine Rolle.

Woran ich mich hingegen gut erinnere, waren ihre schulischen Leistungen. Denn diese waren weit über dem Durchschnitt. Sie haben sich angestrengt, sie gehörten fortan zu den besten Schülern und Schülerinnen, die Spitzengruppe war ein wenig größer geworden. Vielleicht ergab sich auch eine gewisse Konkurrenzsituation, jeder wollte irgendwie der Beste sein, was wiederum dazu führte, sich noch ein Quäntchen mehr anzustrengen. Natürlich waren auch noch “Einheimische” unter den besten Schülern, aber eben auch alle “Ausländer”. Nur Viet war die berühmte Ausnahme, er kam nicht ganz heran, gehörte aber immer noch zum oberen Durchschnitt.

Nun bin ich mit neun Jahren in das Land gekommen, dessen Staatsbürgerschaft ich bereits hatte, insofern verlor sich der Kontakt, denn Skype und WhatsApp waren noch lange Zukunftsmusik. Es wäre spannend, zu erfahren, wie der Weg von Minh, Linh und Viet weiter gegangen ist, ob sie noch in Österreich leben oder auch, wie die genauen Umstände ihrer Flucht vielleicht waren, oder ob es für sie überhaupt noch eine Rolle spielt, aus welchem Land sie einst stammten, oder ob sie nicht längst die österreichische Staatsbürgerschaft haben und sich als Österreicher fühlen. Ich kam hingegen nach Deutschland in eine Kleinstadt und durfte die restliche Zeit der vierten Klasse in einer deutschen Grundschule besuchen. Und aus Gründen des Datenschutzes erwähne ich jetzt nicht, für welches (einzige) dunkelhäutige Mädel ich daraufhin spontan geschwärmt habe…

Interessanterweise deckt sich die persönliche Betrachtung auf meine drei ehemaligen Mitschüler mit einigen Aspekten aus dem eingangs erwähnten Artikel, aber auch wissenschaftlichen Untersuchungen. Darin wird “Bildung […] besonders hoch bewertet”, die Kinder erbrachten “überdurchschnittliche Schulleistungen”, daneben würden “starke Familienwerte” eingebracht (zitiert nach Boatpeople, Abschnitt “Boatpeople aus dem Blickwinkel der Wissenschaft”).  Ebenso wird – hier zwar für die Schweiz, aber das sollte sich verallgemeinern lassen – eine “überraschend schnelle Integration” beschrieben. Und anscheinend passt der Buddhismus und das Christentum durchaus gut zusammen bzw. seien die Unterschiede der Religion irrelevant, wenn “Respekt und Toleranz im Vordergrund” stünden.

Und jetzt? Was will ich mit diesem Artikel sagen? Soll das heißen, es gibt gute Ausländer und schlechte Ausländer? Sind Asiaten eher willkommen als Afrikaner? Sind Vietnamesen nicht eher durch die Zigarettenmafia in Berlin bekannt? (Muss ich hier einen Ironie-Emoticon setzen?) Ist der Islam einfach eine rückständige Religion? Warum habe ich noch nie von Übergriffen von Asiaten auf Frauen gehört? Sind Gutmenschen böse? Ist Herr Böhmermann nichts weiter als ein Marketing-Spezialist und will seine zweifelhafte Berühmtheit steigern? Um ehrlich zu sein – keine Ahnung! Ich verstehe mich persönlich gut mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, sehe aber auch eine gewisse Gefahr in einer zu offenen Asylpolitik, die sich nicht zuletzt in einer sehr verschärften und immer intoleranteren Diskussionskultur manifestiert. Genau darin unterscheidet sich “Links” meiner Ansicht nach in nichts von “Rechts”. In diesem Sinne würde ich mir mehr “Mitte” wünschen. Mit Meinung, die manchmal auch zu der einen oder anderen Seite tendieren kann, aber ohne die zu oft damit einher gehenden Respektlosigkeiten und Beschimpfungen.

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Und nun begebe ich mich vielleicht doch noch auf die Suche nach einem Klassenfoto von damals, irgendwo muss es doch sein…

 

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Kategorie: Allgemein