Dann bin ich eben ein Arschlochnerd!

Arschlochnerd – mit dieser Bezeichnung tituliert der Autor eines Artikels diejenigen, die Fefes Blog folgen, die Fefe lesen, oder die einfach nur eine gewisse Kenntnis auf einem Gebiet erlangt haben, von dem der Autor offensichtlich eher wenig weiß. In Bezug auf Politik, Zeitgeschehen oder grundsätzlich die ganze Welt dürfen die Arschlochnerds sich aber kein Urteil oder vielleicht sogar keine Meinung erlauben, weil sie ja eben Arschlochnerds sind und sich nur in einem Bereich – meist technischer Natur – gut auskennen. Eine interessante Ansicht. Ich muss zugeben, ich lese Fefes Blog so gut wie gar nicht, was eher weniger an den Texten als an der Präsentation derselben liegt. Das Ding sieht nun einmal aus wie das Web von 1993, wenn überhaupt. Mir macht dies zugegebenermaßen keinen Spaß, auch wenn ich beispielsweise gestern einmal einen Artikel gelesen habe, der durchaus meine Zustimmung erhalten hat.

Die Behauptung des Autors ist – kurz zusammen gefasst – Fefe sei ein Arschloch, er sei zwar kompetent im Bereich von Computerwissenschaften, habe aber keine Ahnung von der Welt da draußen, denn diese sei viel zu komplex, sie sei nicht erklärbar, und dafür gebe es andere Wissenschaften, die sich etwa mit Politik oder Geschichte beschäftigen. Zum Schluß folgt noch eine Schimpftirade, von wegen Nerds wären keine Genies, nur weil sie ihren Kernel selbst kompilieren, sondern letztlich nur ignorante und reaktionäre Arschlöcher. Nerds kämen nicht aus ihrer kleinen, angeblich wenig komplexen Welt heraus und würden versuchen, die große Welt da draußen in ihre kleinen Schablonen zu pressen.

Ich frage mich nun, was will uns der Autor damit sagen? Was will er uns vermitteln? Wie darf ich seine Aussagen interpretieren?

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Vielleicht in dem Sinne, dass Nerds oder generell Experten nur auf ihrem Gebiet kompetent sind und daher auch dabei bleiben sollten? Oder etwa, dass sie keine Meinung haben dürfen? Ich muss noch nicht einmal mit Fefe übereinstimmen oder zu den “Fefisten” gehören, um diese Aussage als realitätsfremd zu bezeichnen. Ich könnte es mir dem “gesunden Menschenverstand” erklären, oder auch dem Grundgesetz, dass niemandem verboten sein darf, eine Meinung zu haben und diese auch zu äußern. Solange dabei dem Gesetz Genüge getan wird, schließlich leben wir hierzulande eben nicht in einer Meinungs- und Gesinnungsdiktatur – zumindest noch nicht. Also warum sollte ein “Nerd” keine politischen Ansichten haben? Warum sollte ein “Nerd” sich nicht äußern dürfen? Ich würde mich beispielsweise ebenfalls als Nerd bezeichnen, vielleicht sogar so weit gehen, dass ich nicht der empathischste Mensch auf Erden bin und gehöre auch zu denjenigen, die sich bislang aufgrund ihres Wissens eines Gebiets bzgl. anderen Themen eher bedeckt gehalten haben. Aber heißt das, dass ich keine Meinung zum Tagesgeschehen, zur Politik, zur kleinen oder großen Welt da draußen haben darf? Die Frage war selbstverständlich rhetorisch.

Dann wäre da das Thema der Komplexität. Programmiersprachen an sich sind nicht komplex, soweit kann ich mit der Meinung des Autors noch übereinstimmen. Betriebssysteme hingegen sind aus Millionen Zeilen einer einfachen Sprache aufgebaut, bedienen Schnittstellen mit ihrer Umgebung, einzelne Maschinen werden zu Netzwerken zusammen geschlossen, sie kommunizieren miteinander auf den unterschiedlichsten Ebenen in verteilten Systemen. Das soll nicht komplex sein?

Übertragen auf andere Gebiete könnte der Autor behaupten, dass die kleinsten Schriftzeichen, auch genannt Alphabet nicht komplex seien, und daher Sprachen ebenso wenig. Schließlich sind sie nur ein Konstrukt eben aus Buchstaben, Morphemen, Silben, Wörten, Sätzen. Dazu noch ein bisschen Grammatik und fertig. Wenn man alle Regeln nur anwenden muss, sollte sich eine Sprache also in kurzer Zeit erlernen lassen. Einer meiner Informatik-Professoren hat einst die Behauptung aufgestellt, dass sich eine neue Programmiersprache binnen 14 Tagen erlernen lässt, wenn man die zugrunde liegenden Programmierparadigmen beherrscht (etwa imperative, funktionale, objektorientierte Sprachen). Auch das ist nicht nicht ganz von der Hand zu weisen – die reine Syntax und Semantik ist schnell erlernbar. Aber um die Programmiersprache wirklich zu beherrschen, ist weitaus mehr notwendig, denn in der etwas komplexeren Welt sind etwa Libraries oder Frameworks vonnöten, die auch erst einmal durchdrungen werden müssen. Und insgesamt lässt sich mit diesen vermeintlich einfachen Mitteln dann eine sehr komplexe Struktur erschaffen. Oder ein anderes Beispiel – für mich wirkt der Verbrennungsmotor meines Wagens verdammt komplex. Ein Mechatroniker hingegen kennt jedes Detail, weil er eine einschlägige Ausbildung genossen hat. Wenn ich als diesem Gebiet Fachfremder nun aber behaupte, dass dies alles nicht komplex sei, wäre das unangemessen und anmaßend. Genau das versucht jedoch der Autor bzgl. der Themen Programmiersprachen und Betriebssystemen. Nur weil man etwas erlernen kann, heißt das nicht, dass es nicht komplex ist. Umgekehrt wird ja sogar behauptet, dass Themen rund um Politik und Zeitgeschehen, menschliche Interaktion usw. verdammt komplex sind und es dafür wiederum Experten gibt, die sich wissenschaftlich damit beschäftigen. Woher beziehen nun diese Wissenschaftler ihre Ansichten? Sind sie mit jenen Erkenntnissen geboren worden? Und ja, auch das war wiederum rhetorisch, denn die Antwort ist eindeutig. Hier presst der Autor augenscheinlich seine eigene Schablone bzw. Ansicht über “Nerds” auf Themen, zu denen keine tiefere Kenntnis besteht.

Natürlich würde sich die Frage stellen, ob “Nerds” zu jedem Thema ihre Meinung abgeben müssen. Zwar dürften und könnten sie es, aber muss das wirklich sein? Das zu beurteilen obliegt wohl jedem selbst. Ich könnte nun dafür plädieren, da Nerds zumindest von sich behaupten, aufgrund ihrer Ausbildung respektive Tätigkeiten mit Logik sehr gut umgehen zu können, während ihnen nachgesagt wird, dass menschliche Verhaltensweisen oder die Eigenschaft, Empathie zu entwickeln, sich eher auf geringem Niveau bewegen. Ja, damit wäre wieder das allgemeine Vorurteil gegen Nerds genannt. Wie dem auch sei – ich kann diese Frage nur für mich persönlich beantworten. Wobei ich dies genau genommen hier bereits getan habe. Nach dem Motto DRY – Don’t repeat yourself und unter der Prämisse, dass Informatiker Wiederholungen hassen, soll der Verweis an dieser Stelle reichen.

Und vielleicht stöbere ich nun mal ein wenig in Fefes Blog. Ich muss nicht zum “Fefisten” werden, aber wenn ich die Wahl habe zwischen “schweigender Masse”, die zwar eine Meinung hat, aber nicht wagt, diese zu äußern, und einem rationalen, logischen, sich von Zeit zu Zeit doch einmischenden Individuum, dann bin ich eben ein Arschlochnerd.

Hinweis: Dieser Artikel entstand aufgrund eines Tweets, der mir am heutigen Tage (31.07.2018) in meine Timeline gespült wurde. Tatsächlich habe ich erst während des Schreibens bemerkt, dass der zitierte Beitrag auf der taz-Seite bereits über drei Jahre alt ist. Wie somit leicht festzustellen ist, sehen Nerds auch nicht alles auf den ersten Blick, aber davon abgesehen ändert dies nichts an meiner Ansicht zu dem Thema.

 

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Kategorie: Netzkultur